„Die Anbetung des goldenen Kalbes“ (Nicolas Poussin, 1633) {Glitch}

Keine Götter, nur Prophet:innen

2025.07.05

Es gibt einen Moment in der Geschichte jeder Zivilisation, in dem die Götter sterben, aber die Altäre bleiben. Die Tempel stehen noch, die Rituale laufen weiter, aber die Präsenz ist weg: jene Autorität, die niemand anzweifelte. Was bleibt, ist ein Vakuum. Es füllt sich.

Wir leben in einer solchen Zeit. Wir haben vergessen, dass wir es vergessen haben.

I

Die Aufklärung hat gründliche Arbeit geleistet. Gott ist tot, verkündete Nietzsche, und wir haben ihn getötet. Er meinte nicht nur den christlichen Gott; er meinte jede Form absoluter, transzendenter Autorität – jede Instanz, die außerhalb des menschlichen Diskurses steht und ihn legitimiert.

Die Moderne hat alle Götter abgelöst: den theologischen durch die Wissenschaft, den monarchischen durch die Demokratie, den ideologischen durch den Postmodernismus, den rationalen schließlich durch die Komplexitätstheorie.

Was bleibt, ist eine Welt ohne festen Boden: keine absoluten Wahrheiten, keine Autorität, die über dem Streit steht. Es gibt nur noch Menschen, Systeme und Narrative, alles konstruiert, alles verhandelbar. Was nach Befreiung klingt, ist in der Praxis kaum zu ertragen.

II

Der Mensch ist nicht für die Leere gebaut. Wir erkennen Muster, stiften Sinn, erzählen Geschichten. Wir brauchen Orientierung, wir verlangen nach Autorität, nicht aus Schwäche, sondern weil wir in einer unendlich komplexen Welt sonst nicht handlungsfähig bleiben.

Wenn die Götter verschwinden, erscheinen die Prophet:innen. Der Unterschied: Ein Gott spricht von jenseits des Systems. Seine Autorität steht über dem System. Er ist die Ordnung selbst.

Prophet:innen sprechen von innen. Ihre Autorität ist geliehen, nicht gegeben. Sie verkünden die Ordnung, aber sie sind sie nicht.

III

Genau hier liegt das Problem. Wir behandeln diese Prophet:innen wie Götter. Wir projizieren auf sie die Autorität, die wir verloren haben, erwarten von ihnen Antworten, die sie nicht geben können, und verlangen Gewissheit, wo nur Interpretation möglich ist.

Den Platz, den einst Staatsleute, Philosophen und Priester hielten, füllen heute Tech-Milliardär:innen, „Visionär:innen“, Gründer:innen.

Sie reden längst nicht mehr über Produkte, sondern über die Zukunft der Menschheit. Über Bewusstsein, über die Rettung der Zivilisation, über die Kolonisierung des Mars als Notfallplan für die Spezies. Ihre Produktpräsentationen sind Predigten, ihre Interviews Offenbarungen, ihre Posts Schriftrollen.

Wir hören zu, nicht weil sie recht haben, sondern weil wir wollen, dass jemand recht hat. Die Welt ist so erdrückend komplex, dass die bloße Vorstellung, jemand kenne den Plan, eine unerträgliche Erleichterung ist.

IV

Das Heilsversprechen der Prophet:innen folgt immer demselben Muster. Zuerst die Diagnose: Die Welt ist kaputt, die alten Wege führen in den Abgrund. Dann die Offenbarung: „Ich habe verstanden, was andere nicht sehen.“ Dann die Lösung: „Folgt mir. Kauft mein Produkt. Investiert in meine Vision.“ Und am Ende das Versprechen: Wenn genug mitmachen, wird die Welt eine andere sein.

Das ist Theologie, keine Geschäftsstrategie. Eine Theologie ohne Gott, ein Heilsversprechen ohne Deckung. Prophet:innen können scheitern. Sie können lügen, sich irren. Und doch behandeln wir sie, als könnten sie es nicht.

V

Wenn Menschen lange genug in der Unsicherheit leben, in einer Welt ohne Götter, mit nur unzuverlässigen Prophet:innen, entsteht eine tiefe, oft unbewusste Sehnsucht: die Sehnsucht nach jemandem, der einfach entscheidet. Jemand, der nicht diskutiert, nicht verhandelt, nicht relativiert, sondern sagt, „So ist es. Punkt.“

Die Anziehungskraft des Autoritären liegt nicht in seiner Ideologie, sondern in seiner Struktur. Unsere westlichen Demokratien versinken in Debatten, Polarisierung, Lähmung. Da wirkt die bloße Fähigkeit, Dinge zu tun, wie eine göttliche Eigenschaft: Straßen bauen, Entscheidungen treffen, eine Richtung halten.

Diese Bewunderung ist nicht rational, sie ist strukturell bedingt. Sie entspringt der Erschöpfung mit einer Welt, in der jede Wahrheit eine Perspektive ist und jede Entscheidung ein Kompromiss.

Der Autoritäre verspricht: „Ich bin der Gott, den ihr verloren habt.“ Und ein erschöpfter Teil der Psyche antwortet: „Endlich.“ Und hier liegt das Verdrängte. Wer sich nach dem Autoritären sehnt, weiß, wovor er sich fürchtet.

Wir wissen, dass autoritäre Systeme Freiheit vernichten, Dissens unterdrücken, auf Gewalt gebaut sind. Und doch: Wenn die Züge pünktlich fahren, wenn die Wirtschaft wächst, wenn die Straßen sauber sind, dann flüstert eine Stimme, „Vielleicht ist es den Preis wert.“

Das ist die eigentliche Kapitulation. Nicht vor einem Gott, sondern vor jemandem, der vorgibt, einer zu sein. Und sie geschieht nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung.

VI

Das Problem mit Prophet:innen ist nicht ihre Existenz, sondern dass wir vergessen haben, was sie sind: Menschen mit einer Vision, nicht mehr und nicht weniger. Sie können begeistern, mitreißen, Wege zeigen, die andere nicht sehen.

Aber sie können nicht die Wahrheit sein. Sie können sie nur suchen. Sobald wir ihre Worte für unfehlbar halten, ihre Vision für alternativlos, ihre Autorität für absolut, verraten wir die Aufklärung.

Das Tragische ist, dass wir das nicht aus Dummheit tun, sondern aus Not. Wenn wir keine Götter mehr haben, wenn alle Autorität konstruiert, alle Wahrheit perspektivisch, alle Ordnung verhandelbar ist: Wie navigieren wir dann?

Eine Antwort gibt es. Unsicherheit aushalten, im Unklaren handeln, ohne auf Gewissheit zu warten. Aber das ist eine Antwort für Individuen, die die psychologische Kapazität dafür entwickelt haben. Was ist mit Gesellschaften? Was ist mit Millionen von Menschen, die diese Kapazität nicht haben, nicht haben können, nicht haben wollen?

Die unbequeme Wahrheit ist: Die meisten Menschen brauchen Prophet:innen. Sie brauchen jemanden, der sagt, „Folgt mir, ich kenne den Weg.“ Wir werden Prophet:innen haben. Die Frage ist nur, welche Art wir wählen werden.

Solche, die ihre Fehlbarkeit kennen, oder solche, die Götter spielen? Solche, die andere wachsen lassen, oder solche, die Gehorsam verlangen? Solche, die das Spiel verändern wollen, oder solche, die es nur gewinnen wollen?


Titelbild: „Die Anbetung des goldenen Kalbes“ (Nicolas Poussin, 1633) {Glitch}