Schöne neue Cyberpunk-Welt
Der Witz über unsere Zukunft geht ungefähr so: Wir haben die Dystopie bekommen, aber die coolen Sachen haben sie weggelassen. Die Konzerne sind da, die Überwachung ist da, die Werbung findet uns überall. Nur die fliegenden Autos fehlen, die verchromten Körper, die gefährlichen Nächte, in denen wenigstens noch etwas passieren könnte. Im Januar 2025 fragte jemand in einem Reddit-Thread, ob auch andere enttäuscht seien, dass wir die Dystopie ohne ihre Ästhetik bekommen hätten. Zwischen den Antworten über Konzernmacht und fehlende Körperumbauten verteidigte jemand Aldi. Günstige Lebensmittel waren offenbar auch in dieser Zukunft noch etwas wert.
Inzwischen verkauft ein Hersteller einen Luftreiniger mit integriertem Bitcoin-Miner. Er soll auf dem Nachttisch stehen, die Luft säubern und nebenbei am Rechenwettbewerb um den nächsten Block teilnehmen. Im beworbenen Solo-Modus gibt es lange nichts und im unwahrscheinlichen Erfolgsfall die ganze Belohnung. Es ist ein Haushaltsgerät, wir können Filter dafür nachbestellen.
Vielleicht liegt die Enttäuschung teilweise daran, dass wir auf die falschen Dinge warten. Eine Zukunft, in der ein Luftfilter an einer globalen Währung mitarbeitet, müsste uns eigentlich fremdartig vorkommen. Stattdessen prüfen wir, ob das Gerät laut ist und was der Ersatzfilter kostet. Die Zukunft hat sich nicht angekündigt. Sie hat einen Platz neben der Steckdose gefunden.
Das erklärt noch nicht die ganze Sehnsucht. Zu meinem Bild von Cyberpunk gehört eine Seitenstraße in Tokio. Regen auf dunklem Asphalt, Licht aus einem kleinen Laden, Kabel, eine Treppe, die irgendwohin führt. Hinter einer Scheibe sitzen Menschen, deren Leben offenbar mehr enthält als die Erledigung ihrer vorgesehenen Funktionen. Die Stadt hat Nischen. Jemand kann hier etwas, jemand kennt jemanden, eine Maschine lässt sich zweckentfremden. Über den Dächern steht der Konzern, der all das bedroht. Seine Gegenwart macht die kleine Welt darunter kostbar. Ich sehne mich nach dieser Straße. Der Konzern ist nicht der Teil, den ich bestellen möchte.
Nur hat die Geschichte beides miteinander verbunden. Die Nähe ist vor dem bedrohlichen Horizont heller geworden. Vielleicht vermisse ich eine bestimmte Art, in der Welt zu sein, und habe sie zusammen mit einer Gesellschaftsordnung abgespeichert, in der ich keinesfalls leben möchte. Vielleicht erkenne ich zugleich etwas Wirkliches wieder. Die eine Vermutung macht die andere nicht überflüssig.
I
Cyberpunk begann als literarische Bewegung, bevor er ein Einrichtungsstil für Computerzimmer wurde. Bruce Bethkes Erzählung Cyberpunk erschien 1983, William Gibsons Neuromancer ein Jahr später. Die Vorgeschichte reicht in die technisch informierte Science-Fiction und die literarischen Experimente der New Wave zurück. Bruce Sterling beschrieb im Vorwort zu Mirrorshades die Verbindung von Hochtechnologie und kulturellem Untergrund. Die Technik war auf der Straße angekommen, an der Haut, im Körper. Mit ihr ließ sich etwas anfangen, das kein Hersteller vorgesehen hatte.
Das war ein anderes Versprechen als die saubere Zukunft der großen Entwürfe. Eine undurchsichtige Welt enthielt noch lesbare Einzelheiten. Wir mussten die richtige Person kennen, eine Maschine verstehen, einen Zugang finden. Der Körper musste nicht Schicksal bleiben, Zugehörigkeit nicht Herkunft. Die Figuren konnten unter schlechten Bedingungen etwas ausrichten, ohne deshalb die Welt zu retten. Schon jemanden aus dieser Welt herauszubekommen konnte eine ganze Geschichte wert sein.
Die Verheißung hatte allerdings einen Haken. In Pat Cadigans Rock On ist Gina ein menschlicher Synthesizer. Andere brauchen sie, um die musikalische Intensität hervorzubringen, die sie allein nicht erreichen. Ihre Begabung macht sie begehrt; Verträge und Gewalt sollen sie verfügbar halten. Sie kann anderen zu einer Erfahrung verhelfen, über deren Bedingungen sie selbst kaum bestimmt. Ihr Können ist die Ressource, die ihr nicht gelassen werden soll.
Das beschädigt die Vorstellung von technisch souveränen Außenseiter:innen. Eine seltene Fähigkeit kann einen Hebel geben. Sie kann einen Menschen auch zu etwas machen, das andere unbedingt besitzen wollen. Die richtige Aufrüstung beantwortet noch nicht, wie wir mit ihr leben werden.
Bei einem untersuchten Exemplar einer Ledger-Kryptowallet saß ein weiterer kleiner Computer im Gehäuse. Er griff die Daten auf dem Weg zum Bildschirm ab und verschickte die Wiederherstellungswörter über Mobilfunk. Der Sicherheitschip musste nicht geknackt werden. Die Prüfung, ob das Gerät echt sei, konnte bestehen. Es war echt. Der zusätzliche Computer darin auch.
Die Vorstellung, dass die entscheidende Macht dort sitzt, wo die offiziell beschriebene Maschine gar nicht endet, kommt einem vertraut vor. Wir kaufen ein Sicherheitsgerät und müssen womöglich erst sein Gehäuse öffnen, um herauszufinden, welche anderen Interessen darin Platz gefunden haben. Menschen schrauben es auf, verfolgen die Leitungen, rekonstruieren den Eingriff. Auch das gehört zur gegenwärtigen Technik: Leute, die wissen wollen, was das Ding tatsächlich tut.
Die Straße findet ihre Verwendung für die Dinge. Das muss keine gute Verwendung sein. In Brüssel werden E-Scooter in bestimmten Vierteln verboten, weil sie nach Darstellung der Behörden für Fluchten und Schießereien im Drogenmilieu benutzt werden. Die kleine urbane Mobilitätslösung taucht in einer anderen Geschichte auf als in ihrer Werbung. Eine technische Möglichkeit sucht sich ihre sozialen Verhältnisse nicht aus.
Dass solche Nachrichten nach Cyberpunk klingen, ist eine brauchbare Beobachtung. Die Wirklichkeit enthält die Verbindungen bereits: improvisiertes Können, neue Geschäfte, Gewalt, erstaunliche Geräte und alltägliche Besorgungen. Das Genre kann unsere Aufmerksamkeit dafür schärfen. Es muss weder jede Einzelheit vorhergesagt haben noch eine vollständige Beschreibung des Jahrhunderts liefern.
II
Die Verwandtschaft mit Noir reicht tiefer als Regen und Nacht. Gibson beschreibt im Paris-Review-Interview, wie die Science-Fiction über den Noir-Detektivroman literarischen Naturalismus aufnahm: die Untersuchung von Geld und Macht. Für die Emotionalität seiner frühen Hackerfiguren nennt er außerdem Springsteens Darkness on the Edge of Town. Die technische Zukunft sollte etwas von dessen geschlagener Hoffnungslosigkeit bekommen.
In dieser Verbindung liegt mehr als ein Stil. Die Stadt kann glänzen und jemanden trotzdem nicht brauchen. Menschen können von Möglichkeiten umgeben sein und nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Eine melancholische Geschichte lässt das zu. Sie schickt die Traurigkeit nicht erst zur Prüfung, ob sie angesichts der verfügbaren Annehmlichkeiten überhaupt berechtigt ist.
Vielleicht ist das ein Teil der Anziehung: lieber eine aufrichtige Lüge als die Lüge der heilen Welt. Die erfundene Stadt behauptet nicht, es sei alles in Ordnung. Sie gibt Erschöpfung, Einsamkeit und dem Verdacht eine Form, dass die freundlichen Beschreibungen des Lebens und seine tatsächlichen Bedingungen auseinanderliegen. Für diese Aufrichtigkeit muss sie kein zutreffendes Gesamtbild der Gesellschaft sein.
Melancholie enthält eine Bindung an die Welt. Etwas schmerzt, weil es nicht gleichgültig ist: eine Freundschaft, eine verschwundene Möglichkeit, ein Ort, an dem noch ein anderes Leben hätte stattfinden können. Die Traurigkeit bewahrt einen Anspruch, der in einer Erfolgsbilanz leicht verlorengeht. Manchmal reicht dafür ein später Zug, Licht hinter einer Scheibe, eine Stimme am Telefon. Murakamis Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt, mit seinen Daten- und Bewusstseinsmotiven, liegt ohnehin in der Nachbarschaft von Cyberpunk und Hard-boiled-Fiktion. Nicht jede technische Fremdheit verlangt eine Explosion.
Der Wunsch nach einer aufrichtigen Welt kann allerdings eine merkwürdige Wendung nehmen. Wenn eine beschönigende Erklärung falsch ist, fühlt sich die düstere Erklärung plötzlich umso wahrer an. Gute Nachrichten werden dann zum Ablenkungsmanöver, jede Verschlechterung zum Beweis. Die Welt muss nur lange genug schlecht aussehen, dann weiß man wenigstens, woran man ist.
Das kann genauso geschlossen werden wie das Heilsversprechen, gegen das es sich richtet. Eine gelungene Reform wäre bloße Kosmetik, eine gescheiterte Reform der Beweis, dass Reformen unmöglich sind. Ein hilfreiches Werkzeug wäre der Köder, ein schädliches Werkzeug der eigentliche Plan. In einer solchen Erklärung kann nichts mehr geschehen, das sie ernsthaft verändert. Ihre Gewissheit kostet den Kontakt zur Welt.
Auch meine Seitenstraße hat eine Vorgeschichte, die nicht aus Regen besteht. Der Literaturwissenschaftler Denis Taillandier untersucht, wie angloamerikanischer Cyberpunk Japan mit Hochtechnologie, Konsum und wirtschaftlicher Konkurrenz verband. Das Zukunftsbild nahm vorhandene Dinge auf und machte sie zu einer Projektion. Menschen wohnen dort, wo ich meine Zukunft hinschiebe. Ihre Stadt ist nicht für meine Melancholie gebaut worden.
Diese Einsicht nimmt dem Bild nicht seinen Reiz. Sie verändert meine Stellung darin. Ich kann die erfundene Straße begehren und genauer hinsehen, wessen Leben sie für mich interessant macht. Die Fiktion wird dadurch weder erledigt noch zur Auskunft über alles. Sie behält das Recht, eine Erfahrung auszudrücken. Die Wirklichkeit behält das Recht, nicht vollständig zu ihr zu passen.
III
„Wie ist das Wasser?“, fragt der Frosch. „Was ist Wasser?“, antwortet der augmentierte, an Land lebende Fisch.
Wer auf die Zukunft wartet, kann übersehen, wie viel davon er schon benutzt. Ein Gerät in der Hand überträgt Bilder, übersetzt Stimmen, öffnet Archive und hält Verbindungen zu Menschen, die sonst unerreichbar wären. Die Fähigkeit ist nicht kleiner geworden, weil sie keine Überraschung mehr ist. Wir sind nur damit beschäftigt, dass der Akku bald leer ist.
Das gilt nicht nur für spektakuläre Technik. In Die Anomalie des Paradieses habe ich den historischen Komfort verteidigt, den eine Untergangserzählung so leicht unterschlägt: Wärme, sauberes Wasser, medizinische Versorgung, Wissen. Das Paradies ist unvollkommen und ungleich verteilt. Es wird durch seine Fehler nicht unwirklich. Eine bessere Vergangenheit, in die wir das alles zurückgeben könnten, steht nicht zur Verfügung.
Die Weltbank schätzt in ihrer 2025 revidierten Armutsreihe, dass die Zahl der Menschen in extremer monetärer Armut zwischen 1990 und 2022 um rund 1,5 Milliarden sank. Das ist eine Aussage über äußersten Mangel, nicht über ein bereits gutes Leben. Sie macht die Gegenwart dennoch zu etwas anderem als einem einzigen langen Abstieg. Ein Cyberpunk-Blick, der solche Veränderungen nicht mehr aufnehmen kann, hat sich seine Beleuchtung fest eingestellt.
Es wäre allerdings eigentümlich, die neue Fähigkeit und die verbesserte Versorgung gegen jede Unzufriedenheit aufzurechnen. Ein Mensch, der seine Wohnung verlieren könnte, muss den historischen Fortschritt nicht widerlegen, bevor er Angst haben darf. Der Zugang zu einer Bibliothek macht eine unsichere Arbeit nicht sicher. Und eine Maschine, die hervorragend funktioniert, kann gerade deshalb eine schwere Abhängigkeit schaffen, weil man auf ihre Leistung nicht verzichten möchte.
Die Frage wird schon bei einer scheinbar einfachen Wohlstandszahl unbequem. Ein Durchschnitt kann steigen, weil sehr große Vermögen wachsen. Der Median markiert dagegen die Mitte der Verteilung. Er sagt noch immer nicht, wie jeder einzelne Haushalt lebt, und ein höherer Geldbetrag kann bei gestiegenen Preisen weniger wert sein. Wer behauptet, es gehe uns besser oder schlechter, muss sagen können, wen er meint und was er vergleicht.
Die Bundesbank-Erhebung zu den Haushaltsvermögen zeigt beides in derselben Reihe. Zwischen 2021 und 2023 gingen der inflationsbereinigte Mittelwert und Median zurück. Gegenüber 2017 lagen beide 2023 höher. Die jüngste Verschlechterung ist wirklich; der ununterbrochene Niedergang wäre eine Erzählung, für die man einen Teil der Daten weglassen müsste.
Solche Unterscheidungen sind nicht dazu da, jemandem seine Erfahrung auszureden. Sie verhindern, dass aus einer Erfahrung vorschnell ein Weltzustand wird. Ein Vermögenswert misst außerdem nicht, ob ich eine technische Entscheidung anfechten, eine Maschine reparieren oder aus einer Beziehung gehen kann. Wohlstand hilft, viele Abhängigkeiten abzufedern. Mit seiner Höhe sind ihre Bedingungen noch nicht beschrieben.
Die gewöhnlich gewordenen Wunder und die gewöhnlich gewordenen Zumutungen stehen nicht sauber auf getrennten Seiten. Wer die eine Hälfte wegstreicht, hat die andere noch nicht verstanden. Im selben Gerät kann ein wirklicher Gewinn liegen und eine Bindung, deren Ausmaß erst auffällt, wenn etwas ausfällt.
IV
Ein Traktor braucht für das Cyberpunk-Gefühl keine Neonröhren. Er kann bei Tageslicht auf einem Feld stehen und seinen Eigentümer:innen gehören. Das Problem beginnt, wenn eine notwendige Reparatur einen Zugang verlangt, über den sie nicht verfügen.
Die amerikanische Wettbewerbsbehörde FTC warf Deere vor, vollständige elektronische Reparaturmöglichkeiten autorisierten Händlern vorzubehalten. Demnach blieben bestimmte Schritte nach einem Teiletausch oder einer Abschaltung den Landwirt:innen und unabhängigen Werkstätten versperrt. Im Juli 2026 kündigte die Behörde einen Vergleich an, der gleichwertige Reparaturressourcen zugänglich machen sollte. Der angekündigte Beschluss bedurfte gerichtlicher Genehmigung. Die Auseinandersetzung betrifft eine bereits vorhandene technische Leistung. Die Maschine ist gekauft. Wer sie wieder zum Laufen bringen darf, ist eine andere Frage.
Hier bekommt die erträumte Werkstatt einen konkreten Gegenstand. Wir möchten etwas verstehen, ein Teil austauschen, mit anderen einen Defekt beheben. Was in der Fiktion als Könnerschaft erscheint, braucht in der Wirklichkeit Werkzeug, Wissen und den tatsächlichen Zugang zu beidem. Ein Fehlercode kann die Grenze markieren, hinter der die eigene Maschine aufhört, praktisch die eigene zu sein.
Das Eigentum ist deshalb nicht bloß Fassade. Gerade weil es besteht, lässt sich fragen, weshalb bestimmte Möglichkeiten seiner Ausübung fehlen. Die Parole, wir würden ohnehin nichts mehr besitzen, wäre hier eine voreilige Kapitulation. Sie würde den Anspruch kleinmachen, an dem eine andere Verfügung ansetzen kann.
Im Wohnzimmer sitzt dieselbe Irritation vor einem Kaufknopf. Der Steam-Vertrag bezeichnet Inhalte und Dienste als lizenziert, nicht verkauft. Das gekaufte Spiel ist ein geregelter Zugang. Es braucht dafür kein Monatsabo. Auch eine einmalige Zahlung kann mich an ein Konto und eine Infrastruktur binden, die ich nicht einfach mitnehmen kann. Die deutschen Sonderregeln schützen bestehende Zugänge allerdings auch dann, wenn eine neue Vertragsfassung abgelehnt wird. Das Recht ist Teil dieser Welt. Es beginnt nicht erst außerhalb der Maschine.
Die Differenz fällt leicht unter den Tisch, solange alles läuft. Ein gut funktionierendes Angebot verlangt wenig Aufmerksamkeit für seine Bedingungen. In ihm kann ich Geschichten erleben, mit Freund:innen spielen und Fähigkeiten erwerben. Nichts davon wird rückwirkend unwirklich, wenn der Zugang enger wird. Der Verlust schmerzt gerade, weil dort bereits etwas von meinem Leben stattfindet.
Damit sieht auch die ersehnte Nische anders aus. Ihr Wert besteht nicht darin, dass sie irgendwo zwischen den großen Systemen übersehen wurde. Es kommt darauf an, ob sie bestehen kann, wenn jemand sie bemerkt. Eine Werkstatt, die nur von der Unaufmerksamkeit des Anbieters lebt, hat eine andere Zukunft als eine, deren Zugang er nicht nach Belieben schließen darf. Der technische Trick kann einen Abend retten. Eine durchgesetzte Regel kann Menschen helfen, die den Trick nicht beherrschen.
Die europäische Reparaturrichtlinie richtet sich für die erfassten Produktgruppen gegen ungerechtfertigte vertragliche sowie hardware- und softwaregestützte Reparaturhindernisse. Das klingt weniger nach Cyberpunk als eine heimlich geöffnete Konsole. Für die Menschen an der Maschine kann es den Unterschied machen, ob ihre Kenntnis an einer Sperre endet. Ein Teil der Freiheit muss nicht jedes Mal neu erbeutet werden, wenn er gemeinsam gesichert werden kann.
Die Werkstatt wird dadurch nicht von selbst ein interessanter Ort. Aber sie kann offenbleiben.
V
In Cadigans Geschichte brauchten andere Gina, um eine Intensität zu erzeugen, über die sie allein nicht verfügten. Heute können wir Fähigkeiten in einer Oberfläche aufrufen, die sich auf uns einstellt und immer vertrauter wird. Die Frage, wem die Erweiterung am Ende zur Verfügung steht, wird dadurch nicht belanglos. Wir können mit einem Werkzeug mehr können und zugleich etwas aufbauen, dessen Fortsetzung von fremden Entscheidungen abhängt.
Mike Brock nimmt in Personal Empowerment das Versprechen eines überlegenen persönlichen KI-Anwalts auseinander. Selbst wenn alle ein gleich starkes Werkzeug hätten, bestimmten sie damit noch nicht über den gemeinsamen Anbieter. Ein Kräftegleichgewicht zwischen den Nutzer:innen wäre noch keine Macht über die Infrastruktur. Persönlich kann ein System sein, weil es mich kennt. Darüber, wie lange und zu welchen Bedingungen es das tut, kann jemand anderes befinden.
Das ist für sich noch kein Grund, jede solche Hilfe abzulehnen. Es ist ein Grund, ihren Wert und ihre Bindungen zusammen zu betrachten. Je mehr uns die Maschine ermöglicht, desto mehr kann an ihr hängen. Die eigentümliche Mischung aus Begeisterung und Unbehagen ist kein bloßer Denkfehler, den eine korrekte Produktbeschreibung auflösen müsste.
Für die Arbeit fällt derselbe Zugewinn sehr unterschiedlich aus. Eine Stanford-Auswertung amerikanischer Abrechnungsdaten beschreibt bis Juni 2026 eine auffällige Beschäftigungslücke bei 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen gegenüber dem Vergleichsverlauf weniger exponierter Gleichaltriger. Sie entsteht vor allem durch geringere Einstellungen, nicht durch zusätzliche Entlassungen. Das Forschungsteam versteht das als beschreibendes Warnsignal, nicht als kausalen Nachweis. Eine dänische Untersuchung findet für die ersten zwei Jahre nach ChatGPT keine messbaren durchschnittlichen Einkommens- oder Arbeitsstundeneffekte, während Aufgaben und Arbeitsorganisation sich verändern.
In der Danksagung der dänischen Untersuchung steht neben Caspar Ringhof auch Claude Code als Forschungsassistenz.
Die Gesamtbilanz kann noch ruhig aussehen, während sich an einer bestimmten Tür schon etwas verändert. Ein Berufseinstieg ist nicht nur die erste Zahlung. Dort lernt jemand, eine Aufgabe zu beurteilen, einen Fehler zu bemerken, Verantwortung zu übernehmen. Wenn gerade die Anfängerarbeit entfallen soll, stellt sich die Frage, wo die Erfahrung entstehen wird, die wir zur Kontrolle der automatisierten Arbeit weiterhin brauchen. Diese Frage ist dringlich, bevor wir den letzten Arbeitsplatzverlust berechnet haben.
Für jemanden, der erstmals selbst ein Programm bauen kann, öffnet sich womöglich eine Tür. Für jemanden, der durch die dabei automatisierten Arbeiten in den Beruf kommen wollte, kann eine andere enger werden. Es hilft wenig, beide Erfahrungen in ein einziges Urteil darüber zu pressen, ob die Technologie nun befreiend oder zerstörerisch sei. Interessanter wird, wer ihren Einsatz bestimmt und wer noch wählen kann, was er mit ihr tut.
Auch die Gegenkultur streitet darüber. Gizmodo berichtet über einen KI-Ausschluss in r/opensource und die Abspaltung einer offeneren Gemeinschaft. Dieselben Werkzeuge können manchen als Aneignung, anderen als Beschädigung ihrer Arbeit erscheinen. Der Konflikt um die Bedingungen der Technik verläuft mitten durch die Menschen, die sich mit ihr auskennen. Es gibt keinen Schalter, hinter dem alle Hacker:innen dasselbe wollen.
Die WGA beschreibt in ihrer FAQ zum Tarifpaket 2026 neue Mitteilungs- und Gesprächsrechte: Wenn Unternehmen Werke von Autor:innen für kommerzielles KI-Training lizenzieren, sollen sie die Gewerkschaft schriftlich informieren; diese kann ein Gespräch verlangen, auch über eine mögliche Vergütung. Darin liegt noch kein Recht, die Verwendung zu untersagen. Es entsteht eine Stelle, an der Bedingungen sichtbar und zum Gegenstand einer Auseinandersetzung werden können. Der Hebel reicht über die persönliche Entscheidung hinaus, ob man das nächste Werkzeug benutzt.
Für Gina wäre die Fähigkeit, noch mehr zu leisten, keine hinreichende Antwort gewesen. Vielleicht beginnt ein anderer Begriff von Punk dort, wo die Bedingungen des Könnens gemeinsam verändert werden. Er wäre weniger einsam. Er müsste nicht einmal gut aussehen.
VI
Im Mai 2025 kamen 220 Halter:innen von Donald Trumps Memecoin zu einem Dinner in seinem Golfclub zusammen. Die 25 mit den größten Beständen erhielten zusätzlich einen privaten VIP-Empfang. Reuters berichtete über den Wettbewerb und die wirtschaftlichen Verbindungen des Coins zur Trump-Familie. Eine digitale Rangliste entschied über eine organisierte Form persönlicher Nähe zum Präsidenten. Für diesen Vorgang braucht man noch kein gekauftes Gesetz nachzuweisen.
Das ist eine andere Nische als die Werkstatt. Auch hier gibt es einen Zugang und Leute, die seine Bedingungen verstehen. Ihre Handlungsfähigkeit könnte gerade das sein, was den Spielraum anderer beschädigt. Die Fähigkeit, sich in einer Ordnung gut zu bewegen, sagt wenig darüber aus, ob diese Ordnung gut eingerichtet ist.
Der bedrohliche Konzern am Horizont gibt solchen Verhältnissen eine bequeme Gestalt. Er hat ein Logo, ein Gebäude und vielleicht eine exzentrische Person an der Spitze. Wir können ihn hassen. Schwieriger ist das Geflecht, in dem öffentliche Macht private Zugänge absichert, sich ihrer bedient oder selbst zu ihrer Verkaufsgelegenheit wird. Wer sollte hier wen vor wem schützen?
Yanis Varoufakis spricht von Technofeudalismus: Cloud-Kapital habe Märkte durch digitale Lehen und Profit durch Rente als bestimmende Größen abgelöst. In der Debatte zwischen Cédric Durand und Evgeny Morozov wird gerade bestritten, ob die veränderte Beziehung zwischen Staat und Unternehmen bereits eine neue Gesellschaftsordnung begründet. Private Technik kann auch die Reichweite staatlicher Macht vergrößern. Der Staat muss nicht verschwinden, damit bedrückende Verhältnisse entstehen.
Das Bild eines Neo-Mittelalters kann etwas an solchen überlagerten Zuständigkeiten zeigen. Ob wir sie Feudalismus nennen oder Kapitalismus, entscheidet aber noch nicht, wer die Sperre an einer konkreten Maschine öffnen kann. Wer die Zugänge beherrscht, hat Beziehungen zu Behörden, Gerichten und Regierungen. Diese Beziehungen lassen sich untersuchen und verändern, ohne zuerst eine neue Epoche beweisen zu müssen.
Der Demokratiebericht von V-Dem 2026 zählt für 2025 44 autokratisierende und 18 demokratisierende Länder. Politische Verschlechterung ist mehr als eine Vorliebe für schlechte Nachrichten; ihre Richtung ist zugleich nicht überall dieselbe. Materieller Fortschritt schützt seine politischen Bedingungen nicht automatisch. Ob wir freier leben können, entscheidet sich auch daran, ob die Institutionen, die Zugänge begrenzen sollen, selbst noch anfechtbar bleiben.
Die institutionelle Antwort reicht nicht als endgültiger Ruhepunkt. Eine Behörde kann den Reparaturzugang öffnen; politische Macht kann sich zugleich mit den Eigentümern der Infrastruktur verbinden. Eine Gewerkschaft kann bestimmte Rechte erstreiten, ohne damit schon die Arbeit von morgen festzulegen. Diese Begrenzung macht die Auseinandersetzungen nicht sinnlos. Sie verhindert, dass aus dem notwendigen Werkzeug gleich der nächste Heilsbringer wird.
In einem Feldbericht über ukrainische Drohneneinheiten beschreiben Dan Madden und Dom Ventimiglia ein Punktesystem im Krieg gegen Russland: Für geprüfte Treffer erhalten Einheiten ePoints, mit denen sie weitere Ausrüstung über einen Marktplatz beschaffen können. Die Autoren arbeiten für ein auf Sicherheitstechnologie ausgerichtetes Investmenthaus. Sie sehen darin einen schnellen Rückweg von Einsatzerfahrung zu Entwicklung und Beschaffung. Sie benennen auch die Gefahr, dass das Sammeln von Punkten die Abstimmung mit anderen Einheiten und größere Operationsziele verdrängt.
VII
Die Ordnung in Huxleys Schöne neue Welt hält ihre Menschen auch durch angenehme Erfahrungen unter Kontrolle. In Kapitel 17 verteidigt Mustapha Mond Konditionierung, Soma und Stabilität. Der Wilde verlangt Freiheit, Dichtung, Gefahr und schließlich das Recht auf Unglück. Mond erinnert ihn daran, was zu diesem Recht ebenfalls gehören würde: Krankheit, Hunger, Angst und Schmerz.
Die Szene ist unbequem, weil sie keine billige Begeisterung für die Zumutung zulässt. Nicht jeder Schmerz wird durch seine Unverfügbarkeit wertvoll. Eine politische Ordnung wird aber auch nicht schon frei, weil sie ihre Bewohner:innen zuverlässig vor unangenehmen Erfahrungen bewahrt. Man kann gut versorgt und von entscheidenden Fragen des eigenen Lebens ausgeschlossen sein.
Vielleicht gehört zur Anziehung der dunklen Stadt, dass sie diese Fragen nicht unter einer freundlichen Oberfläche verschwinden lässt. Der Konzern ragt auf. Die Gefahr hat eine Adresse. Die eigene Traurigkeit passt zur Landschaft. Im Alltag kommt eine Abhängigkeit womöglich als Verbesserung der Bedienung, als bequemere Voreinstellung oder als Vertrag, den wir nur noch bestätigen möchten. Im Regen der Fiktion lässt sich manches deutlicher sehen als im gleichmäßigen Licht einer gelungenen Dienstleistung.
Darin steckt allerdings eine weitere Verwechslung. Wir können eine gefährliche Stadt vom sicheren Sessel aus betreten und das Buch wieder schließen. Wer in ihr leben muss, hat diesen Ausgang vielleicht nicht. Die ersehnte Intensität kostet uns zunächst Aufmerksamkeit. Die dargestellten Menschen kostet sie womöglich die Wohnung oder das Leben. Es wäre eine merkwürdige Folgerung, sie bräuchten schlechtere Verhältnisse, damit mir ihre Welt wieder aufrichtig erscheint.
Die Freiheit, Reibung zu suchen, schließt die Möglichkeit ein, sie abzulehnen. Wir möchten uns verlaufen können, ohne aus unserer Wohnung vertrieben zu werden. Wir möchten von etwas überrascht werden, ohne jede Sicherheit aufgeben zu müssen. Für ein interessanteres Leben brauchen wir keine allgemeine Verschlechterung. Und eine bessere Infrastruktur muss uns nicht das ganze interessante Leben gleich mitliefern.
In Der Torment Nexus habe ich Zukunftserzählungen kritisiert, die aus einer behaupteten kommenden Notwendigkeit schon heute einen Anspruch auf bestimmte private Infrastrukturen ableiten. Beim Widerspruch gegen solche Versprechen können wir uns allerdings eine eigene Versicherung einrichten: Wenigstens werden wir nie wieder enttäuscht. Die Macht und Verantwortung der Beteiligten bleiben ungleich. Die Frage an uns ist trotzdem, wie viel offene Welt wir für diesen Schutz aufgeben würden.
Ich möchte meine Traurigkeit nicht mit einer solchen Gewissheit verwechseln. Sie darf bleiben, während sich etwas verbessert. Sie muss die schlechte Ordnung nicht verteidigen, die ihr einmal eine überzeugende Form gegeben hat. Und sie muss auch nicht verschwinden, sobald ein Konflikt gelöst oder ein Zugang geöffnet ist.
VIII
Zum Jubiläum von Cyberpunk 2077 bewarb CD PROJEKT RED mit Corsair eine Arasaka-Edition von Tastatur, Maus und Mauspad. Ein wenig Megakonzern-Lebensstil für den heimischen Schreibtisch. Die fiktive Herrschaft liefert das Design der Geräte, mit denen wir ihr entkommen oder gegen sie kämpfen sollen. Auch der Widerstand hat Zubehör.
Das Bild einer Erfahrung lässt sich leichter liefern als ihre Bedingungen. Eine Oberfläche kann Zugehörigkeit und Eigenart versprechen, ohne einen Ort hervorzubringen, an dem Menschen einander etwas bedeuten. Wir können das gut erkennen und die Tasten trotzdem schön finden. Die eigene Beteiligung hört mit der Entlarvung nicht auf.
Hanzi Freinacht bringt Hacker, Hipster und Hippies als gesellschaftliche Kräfte zusammen. Für diese Sehnsucht steckt darin eine brauchbare Nachbarschaft: Dinge verstehen und verändern können, einen Sinn für ihre Qualität behalten, ein Leben mit anderen führen. Freinachts eigener Text nennt allerdings auch Apple, Facebook und Google als wirtschaftlich erfolgreiche Verbindung dieser Kräfte. Ihr Zusammenspiel ist kein Unschuldssiegel. Aus einer Gegenkultur kann eine Infrastruktur werden, an deren Bedingungen die Nächsten scheitern.
Der Luftreiniger steht unterdessen noch immer im Angebot. Die Wallet wird aufgeschraubt. Irgendwo versucht jemand, eine Maschine wieder in Gang zu bringen. Die Zukunft enthält solche Arbeiten, nicht nur die großen Ankündigungen über das, was sie einmal sein soll. Manches wird repariert, manches verhindert, manches erst möglich. Auch das, was dabei entsteht, bleibt prüfbar.
Im Reddit-Thread steht zwischen den Klagen der Einwand, wir müssten selbst etwas daraus machen; das sei der Punk-Anteil. Als Aufforderung, alle Verhältnisse durch persönliche Haltung zu überwinden, wäre das dürftig. Eine Frisur lässt sich anders verändern als ein Reparaturzugang. Die Freiheit, sich auszuklinken, ist ungleich verteilt. Nicht alle können aus der Abhängigkeit eine interessante Geschichte ihres Eigensinns machen.
Der Einwand kann aber auch heißen, dass die Welt mit ihrer Beschreibung noch nicht fertig ist. Wer ein Gerät öffnet, setzt an einer anderen Stelle an als jemand, der sein Öffnen rechtlich absichert. Wer einen Raum hält, braucht andere Menschen als die, die allein sein Kassensystem verbessern. Die Tätigkeiten können einander Möglichkeiten schaffen. Keine davon muss die ganze Zukunft im Griff haben, um einen Unterschied zu machen.
Die kleine Straße hat deshalb keinen Ort außerhalb der Macht gefunden. Sie lebt zwischen ihren Bedingungen und dem, was Menschen darin miteinander anfangen. Ein offener Laden ist noch keine Freundschaft. Eine gesicherte Wohnung erlässt niemandem die Einsamkeit. Aber wer bleiben kann, muss nicht jeden möglichen Anfang schon unter dem Vorbehalt des nächsten Verlusts leben. Die Nähe entsteht nicht aus dem Mietrecht. Sie kann an seiner Abwesenheit scheitern.
Ich möchte die Straße noch immer. Den Regen, das Licht, die Treppe, von der ich nicht weiß, wohin sie führt. Inzwischen sehe ich genauer auf die Menschen hinter der Scheibe. Ob sie morgen wieder da sein können. Ob sie ihre Werkzeuge benutzen dürfen. Ob jemand, der heute nichts bestellen kann, trotzdem noch eine Weile bleiben darf. Die Bedrohung am Horizont hat die kleine Welt kostbar gemacht. Ihren Wert muss sie nicht auf Dauer von ihm leihen.
Vielleicht hatte die Sehnsucht darin von Anfang an recht. Ihr Recht auf Traurigkeit verpflichtet die Welt nicht dazu, hoffnungslos zu sein.
Titelbild: Hafenansicht von Alex Knight {Glitch}
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