„Vesuvius in Eruption“ (Joseph Wright of Derby, 1776) {Glitch}

Der kybernetische Sündenfall

2026.02.19

Im April 1966, zwei Jahre bevor das ARPANET online ging und Jahrzehnte bevor Algorithmen unsere Aufmerksamkeit fraßen, hielt der Anthropologe Gregory Bateson einen Vortrag, und er klingt heute wie eine Autopsie unserer Gegenwart.

Bateson war damals 62 Jahre alt. Er hatte zwei Weltkriege erlebt, allerdings zählten für ihn nur zwei Ereignisse. Das erste war der Friedensvertrag von Versailles 1919. Das zweite war die Geburt der Kybernetik in den 1940ern.

Für Bateson waren das keine isolierten Daten, sondern die beiden Pole einer Tragödie. Wir stecken sechzig Jahre später noch darin, vielleicht tiefer als je zuvor. Bateson gibt uns den Schlüssel dazu, warum unsere technologischen Lösungen die Probleme, die sie lösen sollen, oft nur festigen.

I

Versailles war für Bateson der Moment, in dem das 20. Jahrhundert einen Virus bekam: systemische Heuchelei. Die 14 Punkte von Woodrow Wilson versprachen einen gerechten Frieden, doch der Vertrag lieferte Rache und Demütigung. Das Ergebnis war nicht nur der Zweite Weltkrieg. Bateson nannte es die „Demoralisierung“ der Politik. Wenn Betrug in die Sprache der höchsten Moral gekleidet wird, lernt eine Gesellschaft nicht Gerechtigkeit, sondern Zynismus.

Fast zeitgleich erschien John le Carrés Der Spion, der aus der Kälte kam. Der Protagonist erkennt darin: Die Methoden der Guten sind genauso skrupellos wie die der Bösen. Die Ideologie ist nur Fassade für ein bürokratisches Machtspiel.

Bateson sah genau diese Folge voraus: eine Generation, die in einem „verrückten Universum“ aufwächst. Er zitierte Jeremia: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden.“ Die Väter wussten, was sie taten und warum sie logen. Die Kinder stehen in einer Welt voller Widersprüche und wissen nicht, wie sie dorthin kamen.

Das trifft das Lebensgefühl heutiger Generationen. Sie stecken in einem Spiel, dessen Regeln manipuliert sind, dessen Versprechen hohl klingen: dass Bildung zu Wohlstand führt, Arbeit zu Sicherheit. Die natürliche Reaktion darauf ist der Exit ins Private, in die Nische, in den Krypto-Wallet oder den Garten.

II

Dann kam die Kybernetik, die Wissenschaft der Steuerung, die Entdeckung von Informationstheorie und Rückkopplungsschleifen. Bateson nannte es „den größten Biss aus dem Baum der Erkenntnis seit 2000 Jahren“. Es war die Chance, komplexe Systeme endlich zu verstehen.

Doch er sah auch die Gefahr. Er beobachtete, wie das Pentagon begann, Spieltheorie und Computer zu nutzen, um internationale Politik zu machen. Sie fütterten die Maschine mit Truppenstärken und Ressourcen, fragten sie: „Was ist der beste nächste Zug, um unseren Verlust zu minimieren?“

Das Szenario gleicht dem im Film WarGames, in dem der Supercomputer Joshua am Ende lernt: „A strange game. The only winning move is not to play.“ Die Antwort der Maschine war nicht falsch. Das Problem war die Frage.

Wer einen Computer fragt, wie er ein Spiel am besten spielt, akzeptiert damit die Regeln dieses Spiels. Und festigt sie. Bateson warnte: „Sie haben durch den Zug, den sie gemacht haben, bestätigt, dass sie die Regeln des Spiels unterstützen, die sie in den Computer gefüttert haben.“

III

Heute rechnen wir mit Kapazitäten, von denen Bateson nicht träumen konnte. Was damals die Spieltheorie-Modelle des Pentagon waren, sind heute die Predictive-Policing-Algorithmen und Kriegsführungsplattformen von Palantir.

Palantir verkauft Regierungen das Versprechen der absoluten Übersicht. Gotham bündelt Datenströme, macht Schlachtfelder transparent, sagt den nächsten Zug der Gegenseite voraus, bringt Effizienz ins Chaos des Krieges. Allerdings bleibt die Logik dieselbe wie 1966: Die Software fragt nicht nach den Ursachen des Konflikts. Sie fragt nicht, ob das Spiel selbst sinnvoll ist. Sie optimiert nur die Züge innerhalb des Spiels. Sie macht den Krieg effizienter, tödlicher, berechenbarer – und damit endloser.

Wir tun genau das, wovor Bateson warnte: Wir optimieren das Spiel von Versailles. Wir nutzen KI und Algorithmen, um Lieferketten effizienter zu machen, die auf Ausbeutung basieren, um Engagement in einem Mediensystem zu maximieren, das von Empörung lebt. Wir nutzen Hochfrequenzhandel, um Profite aus einem Finanzsystem zu quetschen, das sich von der Realwirtschaft entkoppelt hat.

In Isaac Asimovs Erzählung Der vermeidbare Konflikt optimieren Maschinen die Weltwirtschaft so perfekt, dass jede menschliche Abweichung als Fehler im Algorithmus korrigiert wird. Wir fragen die mächtigste Technologie, die wir je geschaffen haben: „Wie spiele ich dieses kaputte Spiel noch besser?“ Und die KI antwortet: „Indem du die Regeln noch härter durchsetzt. Indem du noch effizienter wirst.“

Das Ergebnis ist das, was Bateson „Rigidität“ nannte. Das System wird starrer. Die Möglichkeiten für Veränderung schwinden, weil jede Abweichung sofort als „ineffizient“ korrigiert wird. Wir optimieren uns in den Stillstand, und Stillstand bedeutet Tod.

IV

Bateson nutzte eine Metapher: den Thermostat. Ein System oszilliert naturgemäß. Es wird wärmer, es wird kälter; die Heizung geht an, geht aus. Das normale Geschäft des Lebens. Doch an der Wand gibt es ein Rädchen: den Bias, die Einstellung. Wer daran dreht, ändert nicht das Wetter, sondern die Haltung des Systems dazu. Wir ändern den Zielwert.

Unsere gesamte technologische und politische Energie fließt heute in die Verwaltung der Oszillation. Wir glätten die Kurve, drücken die Inflation, heben die Umfragewerte. Wir kämpfen gegen Symptome.

Das Neomittelalter, das wir erleben, und die sterbenden Systeme, die wir beobachten, sind die wilden Oszillationen eines Systems, dessen Einstellung nicht mehr zur Realität passt. Unser Thermostat steht auf „Unendliches Wachstum“ und „Nationale Souveränität“, in einem Haus mit endlichen Ressourcen, global vernetzt. Keine KI der Welt löst das, indem sie die Heizung effizienter steuert. Die Lösung liegt in der Änderung der Einstellung.

V

Bateson war kein Optimist, aber er war auch kein Zyniker. Er sagte: „Wir können der Kybernetik nicht trauen, uns vor Sünde zu bewahren.“ Technologie ist kein moralischer Akteur, sie ist ein Verstärker. Füttern wir sie mit der Logik von Versailles, baut sie uns Versailles 2.0, nur effizienter und totalitärer.

Verstehen wir allerdings, dass wir Teil eines „über-determinierten“ Systems sind und unsere Handlungen Rückkopplungsschleifen erzeugen, können wir andere Fragen stellen. Die Frage lautet nicht, wie wir gewinnen, sondern wie wir die Regeln ändern.

Es ist das Prinzip des Kobayashi-Maru-Tests aus Star Trek: Angesichts eines Szenarios, das zum Scheitern programmiert ist, gewinnen wir nicht, indem wir besser spielen. Wir gewinnen, indem wir die Simulation umprogrammieren.

Statt den eigenen Vorteil zu maximieren, die Logik des Sovereign Individual, müssen wir die Variabilität des Systems erhöhen, damit es überlebt, die Logik des Gewebes.

Der Ausweg fängt nicht mit neuer Technologie an, sondern mit einer neuen Epistemologie: einer neuen Art zu wissen, was wir wissen. Statt den Computer zu fragen, wie wir den nächsten Zug gewinnen, fragen wir uns: Spielen wir nicht besser ein anderes Spiel?


Titelbild: „Vesuvius in Eruption“ (Joseph Wright of Derby, 1776) {Glitch}