„Der Koloss“ (vermutlich Asensio Juliá, ca. 1808) {Glitch}

Autoritarismus als Systemfehler

2025.10.21

Wir haben uns daran gewöhnt, Autoritarismus moralisch zu bekämpfen. Wir nennen Diktatoren böse, unmenschlich und barbarisch. Und das sind sie meist auch. Doch diese Kritik greift zu kurz. Moderne Autokrat:innen, die Technokrat:innen oder die Effizienz-Fetischist:innen im Silicon Valley sehen sich nicht als Bösewicht. Sie sehen sich als Architekt:innen der Ordnung: als die, die das Chaos bändigen und die Züge pünktlich fahren lassen.

Wenn wir ihnen Nähe zum Faschismus vorwerfen, wischen sie das beiseite: keine Ideolog:innen, sondern Pragmatiker:innen.

Durch die Linse der Kybernetik, der Biologie und der Komplexitätsforschung offenbart sich die „starke Hand“ nicht als Ordnung, sondern als Fragilität. Autoritarismus ist kein Upgrade der Gesellschaft, sondern ein Glitch, ein Systemfehler, der zwangsläufig zum Kollaps führt, nicht aus karmischer Gerechtigkeit, sondern aus physikalischer Notwendigkeit.

In der Serie Andor formuliert der Revolutionär Karis Nemik genau diesen Gedanken in seinem Manifest: „Tyrannei erfordert ständige Anstrengung. Sie bricht, sie leckt. Autorität ist spröde.“ Das autoritäre System ist widernatürlich: Es muss ständig Energie aufwenden, um gegen den Strom der Realität zu schwimmen.

I

Der autoritäre Reflex verspricht: „Ich allein kann es richten.“ Er zentralisiert Macht, baut Pyramiden, glaubt an die Steuerung der Welt durch einen einzigen Willen.

Das verstößt gegen ein Grundgesetz der Kybernetik: Ashby's Law of Requisite Variety. Der britische Kybernetiker W. Ross Ashby formulierte es so: „Nur Varietät kann Varietät absorbieren.“ Ein Steuerungssystem muss mindestens so viele Zustände annehmen können wie das System, das es steuern will.

Eine moderne Gesellschaft ist unendlich komplex: Wetter, Märkte, Viren, gegenteilige Ideen, Lieferketten, alles greift ineinander. Ein zentralisierter Führer, oder eine kleine Elite, hat nicht die kognitive Tiefe, um diese Komplexität abzubilden. Das „Gehirn“ wird zum Flaschenhals.

Autoritäre Systeme lösen dieses Problem anders: nicht durch mehr eigene Varietät, was Dezentralisierung erfordern würde, sondern indem sie die Varietät der Welt zu reduzieren versuchen. Früher oder später verbieten sie Bücher, zensieren Meinungen, lassen Menschen verschwinden, um die Realität so einfach zu halten, dass sie in den Kopf des Führers passt. Das kappt die Feedback-Schleifen. Ein System, das alle Sensoren abschaltet, die „falsche“ Daten liefern, fliegt blind, bis es das erste „Graue Nashorn“ niedertrampelt.

II

In seiner extremsten Form, dem Faschismus, wird der autoritäre Reflex zur Obsession mit Reinheit: des Blutes, der Ideologie, der Nation. Auch der „softe“ technokratische Autoritarismus strebt nach Reinheit: der des Prozesses, der Abwesenheit von Abweichung.

In der Biologie ist das ein Todesurteil. Evolution funktioniert durch Fehler: Mutation ist Abweichung. Ein System, das perfekt an seine jetzige Umwelt angepasst ist (rein), ist perfekt ungeeignet für die nächste Umweltveränderung. Nassim Taleb nennt das Gegenteil Antifragilität: die Fähigkeit, an Stress zu wachsen und von Unordnung zu profitieren.

Der autoritäre Staat gleicht einer Monokultur, hocheffizient bei perfektem Wetter, anfällig für den totalen Kollaps bei einem einzigen neuen Schädling. Indem er Diversität bekämpft, „Entartung“ oder „Ineffizienz“, zerstört er das Exaptations-Potenzial der Gesellschaft, die Fähigkeit, vorhandene Ressourcen für neue Zwecke zu nutzen. Er tötet die Innovation, bevor sie geboren wird.

III

Autoritarismus ersetzt die Realität durch eine geschlossene Erzählung. Jean Baudrillard nannte das ein Simulacrum: ein Abbild ohne Original, eine Karte, die das Gebiet ersetzt.

In einem solchen System gilt Wahrheit nicht, was wahr ist, sondern was nützt. Beamt:innen melden gefälschte Erträge, Generäle erfinden Siege. Die Führung steuert eine Fantasiewelt, während die reale Welt in den Abgrund stürzt.

In der HBO-Serie Chernobyl fragt Valery Legasov: „Was kostet es, zu lügen?“ Die Antwort ist physikalisch. Jede Lüge, die das System erzählt, um seine Unfehlbarkeit zu wahren, ist eine Schuld, und die Realität treibt sie irgendwann ein. Wenn die ideologische Karte sagt, der Reaktor sei sicher, das physikalische Gebiet aber instabil ist, explodiert der Reaktor.

Der Zusammenbruch totalitärer Systeme, ob in der Sowjetunion oder anderswo, ist oft ein Informationskollaps. Hannah Arendt beschrieb, wie diese Systeme eine fiktive Welt erschaffen, in der Konsistenz mehr gilt als Fakten. Doch Hunger und physikalische Gesetze lassen sich nicht wegpropagieren.

IV

Wir müssen aufhören, Autoritarismus nur als moralisches Problem zu behandeln. Das lässt ihn wie eine dunkle, allerdings potente Alternative erscheinen. Autoritarismus ist eine strategische Inkompetenz.

Er löst Komplexität durch Vereinfachung, was zu Instabilität führt; erzeugt Stärke durch Starrheit, was zu Zerbrechlichkeit führt; ersetzt Realität durch Willen, was in den Wahnsinn führt.

Der Widerstand gegen autoritäre Tendenzen ist daher nicht nur Ethik, sondern System-Hygiene. Wer robuste, intelligente Systeme bauen will, sei es ein Unternehmen, eine Software oder einen Staat, muss den Impuls zur Zentralisierung und Gleichschaltung ablehnen: nicht weil er „böse“ ist, sondern weil er nicht funktioniert. Der Kampf gegen Autoritarismus ist der Kampf gegen Entropie, die sich als Ordnung verkleidet hat.


Titelbild: „Der Koloss“ (vermutlich Asensio Juliá, ca. 1808) {Glitch}