Wo sind die Staatsmänner?
Wir erinnern uns gern an eine Zeit, in der Politik noch funktionierte. Als Willy Brandt wegen einer Spionage-Affäre in seinem Umfeld zurücktrat, ein Vorfall, der heute kaum eine Randnotiz wäre, als Politiker noch Konsequenzen trugen, Integrität noch zählte und es noch Staatsmänner gab.
Die Sehnsucht ist real, verständlich, und eine Falle. Denn die Frage setzt voraus, dass es sie je gab, eine goldene Ära, in der große Männer, und es waren fast ausschließlich Männer, mit Weisheit und Weitblick regierten. Dass das Problem der Gegenwart ein Mangel an solchen Figuren ist.
Diese Frage führt geradewegs zu den autoritären Prophet:innen, vor denen wir uns hüten müssen.
I
Brandt, Adenauer, Churchill, de Gaulle – die Ikonen der Nachkriegsordnung. Ob sie wirklich so anders waren als die Politiker:innen von heute, lohnt sich zu prüfen.
Churchill war ein brillanter Kriegsredner und ein katastrophaler Friedenspolitiker. Seine Rolle in der Hungersnot in Bengalen 1943, mit Millionen von Toten, gilt heute als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. De Gaulle war ein Meister der Selbstinszenierung, der Frankreich in eine Verfassungskrise stürzte, um seine eigene Macht zu zementieren. Adenauer regierte mit eiserner Hand, nutzte Geheimdienste zum persönlichen Vorteil und duldete keinen Widerspruch in seiner Partei.
Der Unterschied zu heute lag weniger in ihrer moralischen Qualität als in den Umständen. Der Kontext war anders, es gab weniger Transparenz, keine 24/7-Nachrichtenzyklen, keine sozialen Medien, kaum Leaks. Die Öffentlichkeit wusste weniger über das, was hinter verschlossenen Türen geschah. Gleichzeitig waren die Narrative stabiler. Es gab noch „Götter“: Ideologien, Nationen, Traditionen, die ihre Autorität stützten. Wir konnten an den „weisen Führer“ glauben, weil die gesamte Kultur diese Figur vorsah. Schließlich waren die Erwartungen andere. Wir erwarteten Führung, nicht Perfektion; Entscheidungen, nicht Konsens.
Die Rolle des „Staatsmanns“ war klar definiert, und solange jemand diese Rolle halbwegs überzeugend spielte, funktionierte das System. Sie konnten noch wie Götter aussehen, waren aber Prophet:innen.
II
Die Sehnsucht nach dem „großen Staatsmann“ führt aus einem tieferen Grund in die Irre: Die Welt, in der wir leben, erlaubt diese Figur nicht mehr.
Die Komplexität moderner Governance – die Verschränkung von Wirtschaft, Technologie, Ökologie, globalen Lieferketten, Finanzmärkten und Informationsflüssen – übersteigt das Denkvermögen jedes einzelnen Menschen, egal wie brillant. Niemand kann mehr den „Überblick“ haben oder „richtig“ entscheiden, weil es keine einzige richtige Entscheidung mehr gibt. Es gibt nur noch Abwägungen in einem Feld konkurrierender Werte und unvorhersehbarer Konsequenzen.
Jeder Versuch, die Figur des „großen Staatsmanns“ zu erschaffen oder zu sein, endet daher zwangsläufig in einer von zwei Sackgassen. Entweder im Autoritarismus: Komplexität ignorieren, Härte vortäuschen, als „starker Mann“ Dinge erledigen, auf Kosten von Freiheit und Selbstkorrektur; oder in der Enttäuschung: der Komplexität gerecht werden wollen, Konsens suchen, und dafür als schwach, zögerlich, führungslos gelten.
Die Sehnsucht nach dem Staatsmann ist die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt. Aber diese Welt existiert nicht mehr, und sie wird nicht zurückkommen.
III
Hier setzt die Versuchung an. Wenn westliche Demokratien in endlosen Debatten, Polarisierung und Handlungsunfähigkeit versinken, wenn jede Entscheidung ein Kompromiss ist, jede Reform verwässert, jeder Fortschritt blockiert, dann wirkt jemand, der einfach entscheidet, wie eine Erlösung.
Die Fähigkeit, Infrastruktur zu bauen, Strategien umzusetzen, eine kohärente Vision zu artikulieren – das sind keine trivialen Qualitäten. Und wenn wir sie lange genug vermisst haben, sind wir bereit, einen Preis dafür zu zahlen. Dieser Preis ist immer derselbe: Freiheit.
Diese Bewunderung für autoritäre Effizienz ist keine Vernunftentscheidung; sie folgt aus der Erschöpfung mit einer Welt, in der alles verhandelbar ist, in der jede Wahrheit eine Perspektive und jede Entscheidung angefochten werden kann.
Und doch wissen wir, dass autoritäre Systeme Freiheit vernichten, Dissens unterdrücken, auf Überwachung, Kontrolle und letztlich Gewalt stehen.
Wir verdrängen, indem wir beides gleichzeitig denken: „Das ist schrecklich“ und „Vielleicht ist es den Preis wert, wenn die Züge pünktlich fahren.“
Das ist die vollständige Kapitulation. Sie geschieht nicht vor einem Gott, sondern vor Prophet:innen, die vorgeben, einer zu sein. Und sie kommt nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung.
„Wo sind die Staatsmänner?“ ist die falsche Frage. Sie setzt voraus, dass die Lösung in Personen liegt, dass wir nur die richtigen Führer:innen finden müssen. Die richtige Frage lautet: „Wie bauen wir Systeme, die funktionieren – unabhängig davon, wer sie gerade bedient?“
Das ist nicht attraktiv, verkauft keine Bücher und inspiriert keine Massen. Aber es funktioniert, und es funktioniert bereits, an Orten, von denen wir es nicht erwarten, in Formen, die wir nicht erkennen, weil wir nach Prophet:innen suchen statt nach Protokollen.
IV
Botswana
Am 30. Oktober 2024 wählten die Bürger:innen Botswanas die Regierung ab: Nach 58 Jahren ununterbrochener Herrschaft der Botswana Democratic Party (BDP), länger als die meisten afrikanischen Staaten überhaupt existieren, gewann die Opposition 36 von 61 Sitzen.
Präsident Mokgweetsi Masisi, dessen Partei noch nie eine Wahl verloren hatte, akzeptierte die Niederlage sofort. „Ich wollte Präsident bleiben“, sagte er, „aber ich werde respektvoll zur Seite treten.“ Auf einem Kontinent, auf dem Amtsinhaber selten Wahlen verlieren und noch seltener freiwillig gehen, war das ohne Beispiel. Aber es war kein Zufall.
Botswanas Demokratie basiert nicht auf großen Männern, sie basiert auf dem Kgotla-System – traditionellen Versammlungen, die seit Jahrtausenden existieren; öffentliche Foren, in denen Bürger:innen monatlich lokale Angelegenheiten besprechen und Verantwortliche befragen.
Das Prinzip: „Ein Häuptling ist ein Häuptling durch die Nation“, nicht über sie, sondern mit ihr. Diese Struktur überlebte die Kolonialzeit, weil Großbritannien Bechuanaland mit „Nichteinmischung“ verwaltete, und wurde 1966 in die moderne Demokratie eingebaut. Das Ergebnis: eine demokratische Kultur, die tiefer reicht als jede Regierung.
Als die BDP unter Ian Khama (2008–2018) zunehmend autoritäre Züge annahm, Richter einschüchterte, Journalist:innen angriff, sich an Staatsaufträgen bereicherte, reagierte die Gesellschaft. Mit Geduld, nicht mit Revolution. Mit dem Vertrauen, dass das System funktionieren würde, wenn die Zeit kam. Und es funktionierte.
Taiwan
2014 stürmten Student:innen das taiwanesische Parlament. Sie protestierten gegen ein undurchsichtiges Handelsabkommen mit Beijing. Aber statt Parolen zu skandieren, streamten sie ihre eigene parlamentarische Debatte – live, transparent, für alle sichtbar.
Audrey Tang, damals Programmiererin und Aktivistin, installierte die Ethernet-Kabel. Heute ist Tang Taiwans Cyber-Botschafterin und war die erste Digital-Ministerin des Landes.
Was Tang und die g0v-Bewegung entwickelt haben, ist keine traditionelle Führung. Es ist Facilitation: Räume schaffen, in denen kollektive Intelligenz entstehen kann.
Das Werkzeug: Polis, eine Plattform ohne Reply-Button. Aussagen lassen sich zustimmen oder ablehnen, aber nicht angreifen. Das Ergebnis: nicht Polarisierung wird sichtbar, sondern Konsens – die Punkte, denen Menschen über ideologische Grenzen hinweg zustimmen.
2015 tobte in Taiwan die Uber-Debatte. Ist es Sharing Economy oder Ausbeutung? Die Gesellschaft war gespalten. Tang lud alle Seiten ein: Taxifahrer:innen, Uber-Fahrer:innen, Passagier:innen, Politiker:innen. Drei Wochen Polis-Diskussion. Am Ende ein Konsens, den niemand für möglich gehalten hatte. Heute operiert Uber legal in Taiwan als registrierte Taxiflotte. Traditionelle Taxis profitieren von denselben Technologien.
Das Prinzip: Radikale Transparenz. Alle Sitzungen sind aufgezeichnet, transkribiert, öffentlich. Jede:r Bürger:in kann mit 5.000 Unterschriften ein Thema auf die Agenda setzen, das die Regierung beantworten muss.
Das Ergebnis: Taiwans Vertrauen in die Regierung stieg von 9 % (2014) auf über 60 %. Laut Democracy Index ist es die demokratischste Nation Asiens, laut Human Freedom Index die freieste.
Irland
2016 steckte Irland in einer Sackgasse: die Abtreibungsfrage. Seit 1983 verbot die Verfassung Abtreibung praktisch vollständig. Das Land war tief gespalten – zwischen katholischer Tradition und säkularer Moderne, zwischen Stadt und Land, zwischen Generationen. Kein:e Politiker:in wollte diese Frage anfassen, zu toxisch, zu polarisierend, zu karrieregefährdend.
Die Lösung: Eine Citizens' Assembly. 99 zufällig ausgewählte Bürger:innen; keine Expert:innen, keine Politiker:innen. Nur Menschen, die Irland repräsentieren – nach Geschlecht, Alter, Region, sozialer Klasse.
Fünf Wochenenden, über sechs Monate verteilt. Sie hörten Expert:innen und Betroffene. Sie diskutierten in kleinen Gruppen und reflektierten allein. Dann stimmten sie ab.
Das Ergebnis: 87 % empfahlen, das Abtreibungsverbot nicht beizubehalten. 64 % unterstützten Abtreibung ohne Einschränkung bis zu einer bestimmten Schwangerschaftswoche.
Die Empfehlung ging an ein parlamentarisches Komitee. Das Komitee bestätigte die Richtung, wenn auch etwas verwässert. Die Regierung setzte ein Referendum an.
Am 25. Mai 2018 stimmten 66,4 % der Iren für die Aufhebung des Verbots. Die höchste Wahlbeteiligung in der Geschichte irischer Referenden. Alle vier Regionen stimmten zu – von Dublin (75,5 %) bis zu den ländlichen Gebieten (57,5 %).
Die Citizens' Assembly hatte etwas geleistet, was keiner Politiker:in gelungen wäre: Sie hatte den Politiker:innen gezeigt, dass die irische Gesellschaft sich verändert hatte. Sie hatte einen Raum eröffnet, in dem Menschen ihre Meinung ändern durften, ohne ihr Gesicht zu verlieren.
Und sie hatte den Politiker:innen politische Deckung verschafft. „Wir folgen dem Willen der Bürger:innen“ ist eine viel sicherere Position als „Ich habe meine Meinung geändert.“
Das Prinzip: Sortition, das Losverfahren, statt Selektion. Nicht die Lautesten, nicht die Reichsten, nicht die Charismatischsten, einfach Menschen, die zufällig ausgewählt wurden und dadurch die Gesellschaft repräsentieren.
Island
Nicht alle Experimente gelingen. Gerade das Scheitern lehrt am meisten.
Nach dem Banken-Crash von 2008 wollten die Menschen in Island eine neue Verfassung – crowdgesourced, transparent, von den Menschen für die Menschen. 950 zufällig ausgewählte Bürger:innen definierten die Grundwerte. 25 gewählte Bürger:innen, keine Politiker:innen, schrieben den Entwurf. Die Öffentlichkeit konnte über Facebook, Twitter, YouTube mitdiskutieren. 323 formale Vorschläge. 3.600 Kommentare. Fast 10 % der öffentlichen Vorschläge fanden Eingang in den Text.
Der Entwurf wurde einstimmig verabschiedet. Ein Referendum im Oktober 2012 bestätigte ihn mit 67 %. Alles schien perfekt. Dann blockierte das Parlament die Ratifizierung. Filibuster. Verzögerungstaktiken. Schließlich: Stillstand. Die neue Verfassung wurde nie Gesetz.
Der Prozess hatte die Politiker:innen bewusst ausgeschlossen, aus Misstrauen nach dem Crash. Nur brauchte es am Ende genau diese Politiker:innen, um das Ergebnis zu ratifizieren. Und sie hatten keinen Grund, ein Dokument zu unterstützen, an dem sie nicht beteiligt waren, das ihre Macht beschnitt und ihre Wiederwahl gefährdete.
Partizipation ohne Integration scheitert. Wir müssen die Eliten einbinden, nicht umgehen; am Ende haben sie die Macht, das Ergebnis zu blockieren. Wir müssen sie in den Prozess einbinden – nicht als Entscheider:innen, aber als Stakeholder.
Islands Experiment war nicht vergebens. Es zeigte, dass echte öffentliche Beteiligung möglich ist, dass Menschen konstruktiv an komplexen Fragen arbeiten können. Aber es zeigte auch: Prozessdesign ist alles. Und politische Realität kann die schönste Deliberation zunichtemachen.
V
Die Beispiele zeigen eine Alternative zur Sehnsucht nach dem „großen Führer“. Die Antwort ist kein einzelner Ansatz; alle folgen einem Prinzip: Autorität in Prozesse einbetten, nicht in Personen.
Führung wird zu Facilitation. Regierung soll keine Antworten haben; sie soll Räume öffnen, in denen Antworten entstehen. Taiwan zeigt, wie das aussieht: Die Regierung stellt die Infrastruktur, Polis, vTaiwan, Join-Plattform, die Bürger:innen setzen die Agenda, und die Lösungen entstehen im Dialog aller Stakeholder. Das ist Führung, die komplexen Systemen gerecht wird. Audrey Tang nennt es Conservative Anarchism: Traditionen bewahren, aber keine Befehle geben oder empfangen, nur Gespräche ermöglichen.
Autorität verteilt sich, statt sich in Prophet:innen zu bündeln. Irland zeigt, wie Sortition funktioniert: Zufällig ausgewählte Bürger:innen deliberieren über Fragen, die für Politiker:innen zu toxisch sind. Nicht weil Bürger:innen klüger wären; sie müssen nur nicht wiedergewählt werden. Sie können sich eine Meinung bilden, ohne Angst vor Konsequenzen. Dieses Vertrauen in Prozesse statt in Personen wurde bereits in Belgien (G1000) oder Frankreich (Convention Citoyenne pour le Climat) erprobt.
Das Fundament: institutionelle Stärke. Botswana zeigt: Demokratie überlebt nicht durch charismatische Führer:innen, sondern durch Strukturen, die tiefer reichen als jede Regierung. Das Kgotla-System ist jahrtausendealt und wurde bewusst in die moderne Demokratie integriert. Das Ergebnis ist eine demokratische Kultur, die tiefer reicht als jede Regierung. Ähnliches gilt für Costa Rica, das seit 1949 keine Armee mehr hat; eine konstitutionelle Entscheidung, keine persönliche Heldentat.
Dabei lauert die Effizienz-Falle. Orte wie Singapur oder Ruanda zeigen beeindruckende autoritäre Effizienz, aber zu welchem Preis? Eingeschränkte Pressefreiheit, kontrollierte Zivilgesellschaft. Botswana, Taiwan und Irland zeigen: „Freiheit oder Funktionalität“ ist eine falsche Wahl. Systeme können sowohl funktional als auch frei sein. Sie brauchen aber Zeit, Geduld und das Vertrauen, dass Prozesse wichtiger sind als Personen.
Das erfordert radikale Transparenz und einen anderen Umgang mit Fehlern. Statt Konsequenzen einzufordern brauchen wir öffentliches Lernen statt öffentlicher Hinrichtung. In Neuseeland zeigte Jacinda Ardern: „Ich weiß es nicht“ ist eine legitime Antwort. In Taiwan dient Transparenz nicht der Bestrafung, sondern dem Lernen („Humour over rumour“). Wer verletzlich ist, kann sich anpassen.
Zuletzt: Befristung ist kein Fehler, sondern Absicht. Das Problem ist vielleicht, dass wir „Staatsmänner fürs Leben“ erwarten. Rotation als Prinzip verhindert, dass Institutionen mit Personen verschmelzen. Das erfordert Strukturen mit Gedächtnis, nicht Personen, durch Dokumentation, Transparenz und Übergabeprotokolle.
VI
Aber hier müssen wir ehrlich sein. All diese Beispiele – Taiwan, Irland, Botswana – sind Ausnahmen. Sie funktionieren unter bestimmten Bedingungen: überschaubare Größe, relative Homogenität, hohe Bildung, eine Krise als Anstoß. Skaliert das auf 770 Millionen (Europa)? Und oft waren es zeitlich begrenzte Projekte.
Und doch: Diese Einschränkungen sind kein Grund zur Resignation. Sie zeigen, unter welchen Bedingungen neue Formen funktionieren, und wie wir diese Bedingungen herstellen können.
Die Antwort auf „Wo sind die Staatsmänner?“ ist nicht: „Wir brauchen keine Führung.“ Wir brauchen eine andere Art von Führung, eine, die sich selbst überflüssig macht.
Das bedeutet das bewusste Pendeln zwischen scheinbaren Gegensätzen. Führung und Facilitation, Entscheidung und Deliberation, Effizienz und Freiheit, Autorität und Rechenschaft. Es ist „sowohl/als auch“, nicht „entweder/oder“; aber mit klaren Regeln, wann welches Prinzip Vorrang hat.
VII
Die Sehnsucht nach Staatsmännern ist die Sehnsucht nach Einfachheit, nach jemandem, der einfach entscheidet, nach der Illusion von Kontrolle.
Nur ist die Welt nicht einfach und sie wird nicht einfacher werden. Die progressive Alternative ist nicht attraktiv: keine charismatischen Führer:innen, sondern langweilige Prozesse; keine inspirierenden Visionen, sondern funktionierende Protokolle; keine großen Reden, sondern transparente Sitzungen.
Das verkauft keine Bücher, bekommt keine Retweets und baut keine Personenkulte. Aber es funktioniert. Und es überlebt die Person, die es gebaut hat.
Vielleicht ist das die eigentliche post-prophetische Weisheit: Die Sehnsucht nach Inspiration ist selbst das Problem. Wir wollen bewegt werden, wir wollen glauben, wir wollen jemandem folgen, der sagt, „Ich kenne den Weg.“
Aber in einer Welt, die sich der Berechnung entzieht, in der Emergenz nicht vorhersagbar ist, in der jede „Lösung“ neue Probleme schafft – in dieser Welt ist der problematischste Mensch der, der behauptet, den Weg zu kennen.
Die Staatsmänner, nach denen wir uns sehnen, würden in der heutigen Welt scheitern. Nicht weil sie schlechter wären; die Welt ist schlicht komplexer.
Die Systeme, die wir brauchen, sind nicht inspirierend, sie sind resilient; nicht charismatisch, sondern anpassungsfähig. Sie versprechen keine Transformation; sie halten durch. Das ist die Antwort, die niemand hören will, und die einzige, die funktioniert.
Titelbild: „Die Vorsteher der Tuchmacherzunft“ (Rembrandt van Rijn, 1662) {Glitch}