„Die Wissenschaften und die Künste“ (Adriaen van Stalbemt / Hieronymus Francken II, ca. 1607) {Glitch}

Die Asymptote der Illusion

2025.09.15

Wer mit Forschung, Technik oder Politik zu tun hat, kennt diesen Moment: Spät abends, der Tag eigentlich vorbei; Papers, Folien, Förderanträge, Roadmaps, Strategiepapiere. Alles signalisiert Bewegung, dauernd.

Neue Programme werden aufgelegt, „Initiativen“ bekommen Namen, Exzellenz wird neu etikettiert. Und fast jede dieser Einleitungen behauptet Dringlichkeit, als stünde morgen die Welt still.

Und trotzdem bleibt ein Gefühl, das sich nicht wegmoderieren lässt: Wir werden schneller, allerdings kommen wir nicht weiter; präziser, allerdings nicht freier; wir optimieren, und entdecken weniger.

Die westliche Zivilisation des frühen 21. Jahrhunderts lebt in diesem Widerspruch. An der Oberfläche beschleunigt sich vieles: Datenströme, Kommunikation, Fertigungsprozesse, Hardwarezyklen. Gleichzeitig zeigt sich in den harten Feldern, in Energie, Infrastruktur, Materialgrenzen, Transport, in den Fundamentaltheorien, eine Stasis. Sie sieht nicht aus wie Stillstand, eher wie ein endloses Annähern an eine Grenze, asymptotisch, immer näher, nie drüber.

Wir nennen das Fortschritt, weil es sich nach Aktivität anfühlt; häufig ist es allerdings eine neue Art, im Bestehenden festzuhängen.

I

Das Missverständnis fängt beim Wort „Stagnation“ an. Es klingt nach Faulheit, nach Handbremse, nach „nichts passiert“. Genau das ist es nicht. Es passiert sehr viel; nur bündelt sich ein Großteil dieser Energie dort, wo sich innerhalb eines etablierten Rahmens messen, verfeinern und skalieren lässt, und verwalten.

Die Gegenwart ist eine Epoche der Verfeinerung. Unsere Sensoren sind besser geworden. Netze sind dichter, Produktionslinien präziser, Iterationen schneller. Methoden sind ausgefeilter als je zuvor. Gleichzeitig wirkt diese Epoche auffällig schwach, sobald neue Kontinente des Wissens gefragt wären, neue physikalische Prinzipien, neue Energiegrundlagen, große Synthesen. Also nicht nur bessere Ordnung im Bekannten, sondern eine neue Ordnung.

Diese Verschiebung lässt sich beschreiben, ohne sie zu trivialisieren: von Exploration zu Explikation, von Kreation zu Kuration, mit generativer KI weiter zur Simulation.

Das ist keine Moralpredigt. Es ist eine Beschreibung von Schwerpunktverlagerungen, und von Anreizsystemen, die genau diese Verlagerungen stabilisieren.

II

Die Beziehung der westlichen Ökonomie zur Realität verändert sich strukturell in den frühen 1970ern. 1971 wird oft als Symboljahr genannt, weil mehrere Linien zusammenlaufen: der „Nixon-Schock“ und das faktische Ende der Goldbindung im Bretton-Woods-System. Geld ist nicht mehr an eine physische Referenz gebunden, sondern an Politik und Kredit.

Das lässt sich als reines Währungsthema abtun; dann bleibt allerdings unsichtbar, welche kulturelle Gewohnheit darin steckt: Das Zeichen löst sich vom Träger. Die Repräsentation löst sich vom Referenten. Die Zahl löst sich von der Substanz. Nicht sofort, nicht als Masterplan, eher als neue Normalität, in der Abstraktion einfacher wird als die Auseinandersetzung mit Grenzen.

Die Datensammlung auf WTF Happened In 1971? ist dabei weniger als „Beweis“ interessant, sondern als Symptomkomplex. In vielen Zeitreihen beginnt eine Divergenz: Produktivität steigt, Reallöhne stagnieren; Vermögen konzentriert sich, Finanzlogiken gewinnen gegenüber der industriellen Basis an Gewicht. Wir müssen diese Kurven nicht monokausal lesen, um den Kern zu sehen, dass die Anreizstruktur kippt. Risiko wird anders bepreist. Zukunft wird anders finanziert.

Diese Logik bleibt nicht an den Märkten; sie sickert in den Wissenschaftsbetrieb.

Früher, kein Nostalgiesatz, sondern eine Beschreibung eines institutionellen Ethos, war Blue Sky Research legitim. Vannevar Bushs Bericht Science, the Endless Frontier steht dafür: Der Staat finanziert Risiken, weil langfristige Handlungsfähigkeit als öffentliche Aufgabe verstanden wird. Scheitern ist eingeplant; manchmal ist es der Erkenntnisgewinn.

In der Ära nach 1971 wird Risiko zunehmend aus Portfolios herausgerechnet. Das passiert nicht, weil Forscher:innen plötzlich „feiger“ wären, sondern weil Systeme Abweichung teuer machen. Drittmittel werden zur Existenzbedingung, bibliometrischer Druck zur Währung; Projektlogiken, Evaluationen und Deliverables setzen die Taktung. Eine Grant Economy entsteht: Forschung muss sich erst in Antragsformate übersetzen, bevor sie stattfinden darf.

Das moderne Institut driftet damit vom Labor in den Aktenapparat, nicht als Karikatur, sondern als struktureller Trend. Verwaltung wächst, Compliance, Berichtspflichten. Je unübersichtlicher die Welt wirkt, desto stärker das Bedürfnis, sie in Metriken zu zähmen. Metriken belohnen fast immer das Messbare, selten das Waghalsige.

III

1972 erscheint The Limits to Growth und mit ihm das World3-Modell. Wir können über Parameter streiten, es als Warnung oder als Mythos lesen. Als kulturelles Ereignis war es trotzdem eine Zäsur: die explizite Behauptung, dass exponentielles Wachstum in einem endlichen System nicht einfach politisch wegverhandelt werden kann.

Wer das ernst nimmt, steht vor harten Optionen. Entweder werden neue physische Grundlagen gefunden, in Energie, Materialien und Produktionsformen. Oder wir akzeptieren, dass Wachstum nicht unendlich ist, und organisieren Gesellschaft anders. Beides wäre schmerzhaft.

Es gibt eine dritte Option, die kurzfristig weniger wehtut: Stabilität wird simuliert, „Wert“ entkoppelt sich von physischer Realität. Assets werden aufgeblasen, Schulden werden Zukunft, Finanzprodukte werden Ersatzwelt. Bewegung bleibt sichtbar, auch wenn die physische Basis nicht im selben Maß wächst.

Das ist nicht „die“ Erklärung für alles. Aber es ist eine plausible Mechanik, die viele Symptome gleichzeitig verständlich macht: Risikoaversion wird rational, Verwaltung wird zur Schaltstelle, Finanzlogik wird zur Grammatik. Innovation wird dort gesucht, wo sie sicher und abrechenbar wirkt, in Optimierung statt in Sprüngen.

Und genau dieses Muster taucht – mit erstaunlicher Ähnlichkeit – in den Sozialwissenschaften und in der Physik wieder auf.

IV

Die Sozialwissenschaften erzählen diese Geschichte besonders deutlich, weil sie sich selbst beobachten könnten, und es trotzdem immer seltener im großen Stil tun.

Es gab eine Zeit, in der sich Disziplinen zutrauten, „das Ganze“ zu denken. Marx, Weber, Durkheim: nicht weil sie immer recht hatten, sondern weil sie den Anspruch hatten, Gesellschaft in ihren Triebwerken zu verstehen. Dazu gehörten Ökonomie und Rationalisierung, Religion und Institutionen, Klassen und Sinn.

Dann folgt, grob gesprochen, die systemische Phase der Mitte des 20. Jahrhunderts. Kybernetik, Systemtheorie und Strukturfunktionalismus. Talcott Parsons' Versuch einer universellen „Theorie des Handelns“ steht dafür. Gleichzeitig verspricht die Kybernetik eine Sprache, die überall passen soll: Regelkreise und Rückkopplungen, Steuerung und Kommunikation – in Maschinen wie in Organismen, in Organisationen wie in Gesellschaft.

Diese Synthese war riskant, nicht moralisch, sondern intellektuell. Wenn Systeme als Systeme beschrieben werden, müssen Macht, Kontrolle und Zweck mitgedacht werden. Teleologie verschwindet dann nicht als Luxus; sie wird zur Kernfrage. Der Blick wird umfassend; umfassende Blicke erzeugen Widerstände. Das passiert institutionell, politisch und kulturell zugleich.

Ab den 1970ern verschiebt sich die Lage. Nach den Umwälzungen der 1960er, nach dem Cultural Turn, nach Jean-François Lyotards Diagnose der „Unglaubwürdigkeit gegenüber Metanarrativen“, wird der Anspruch auf Totalität verdächtig. Die Meistererzählung wirkt schnell totalitär, naiv, übergriffig. Gleichzeitig wächst, parallel zur Grant Economy, der Druck, methodisch unangreifbar zu sein. Wo große Erzählungen nicht mehr als seriös gelten, werden saubere Papers geschrieben.

So entsteht eine Fragmentierung, die sich als Fortschritt verkauft. Wir sehen mehr Empirie; wir sehen mehr Spezialisierung. Vieles daran ist tatsächlich Erkenntnisgewinn. Der Preis ist trotzdem real: Teleologie verschwindet, normative Kraft verdunstet. Und die Frage „Wohin steuert das System?“ wird zur schlechten Manier. Wir bekommen Karten und verlieren Wege.

V

Das Schicksal der Kybernetik ist fast symbolisch. Aus einer interdisziplinären, schwer einhegbaren Bewegung wird etwas, das sich in Abteilungen schlecht aufbewahren lässt. Zu breit, zu philosophisch, zu quer. In den 1970ern wird vieles davon zerlegt oder in einen starren Komputationalismus überführt: Geist als Rechenprozess, Intelligenz als symbolische Manipulation, Kontrolle als Regelalgorithmus.

Später wird die Netzwerktheorie groß. Sie ist beeindruckend. Sie kartiert soziale Verbindungen präzise. Graphen werden berechnet, Zentralitäten gemessen, Cluster beschrieben. Die Messung wird sehr gut.

Und doch bleibt etwas auf der Strecke. Netzwerke beschreiben Struktur, nicht Sinn; sie zeigen, wer mit wem verbunden ist, allerdings selten, warum das System so organisiert ist, welche Zwecke es verfolgt oder welche Macht in seinen Rückkopplungen steckt. Die Topologie wird schärfer; das Weltbild wird dünner.

Das Muster bleibt: Das Mikroskop wird besser, die Theorie kleiner.

VI

Kulturell wird diese Lage oft „Postmoderne“ genannt. Gemeint ist dann eine Epoche der Ironie, der Dekonstruktion, der Skepsis gegenüber Wahrheit, Fortschritt und den großen Erzählungen. Das trifft einen Teil, aber nicht den Kern der Gegenwart. Denn inzwischen ist es nicht mehr nur Ironie. Wir sehen auch Sehnsucht nach Ernst und Sinn, nach Realness. Allerdings kehrt diese Sehnsucht häufig in einer seltsamen Form zurück, als performatives „Als-ob“.

Hier setzen Begriffe wie Hypermoderne oder Metamodernismus an. Hypermoderne ist nicht das Ende der Moderne, sondern ihre Übersteigerung: Beschleunigung, Exzess, Hyper-Individualismus. Konsum wird Sinnersatz, Geschwindigkeit Decklack. Metamodernismus beschreibt ein Oszillieren: zwischen Ironie und Aufrichtigkeit, zwischen Skepsis und Hoffnung. Wir wollen wieder glauben, allerdings nicht mehr naiv. Also handeln wir „als ob“, wissend, dass es Kulisse sein könnte.

Das ist kein akademischer Luxusbegriff. Es beschreibt, wie sich eine Zivilisation stabilisiert, wenn sie strukturell festhängt: Substanzielle Veränderung weicht Formenwechsel, Oberfläche wird intensiviert, weil Tiefe nicht nachgibt.

VII

In der fundamentalen Physik zeigt sich dieses Muster so klar, dass es fast wehtut. Das Standardmodell ist eine der erfolgreichsten Theorien, die je gebaut wurden; nicht „nur alt“, sondern gut. Es liefert Vorhersagen, die Experimente immer wieder bestätigen. Und genau darin liegt das Dilemma: Erfolg wird zum Käfig.

Seit den 1970ern ist das Standardmodell im Wesentlichen vollständig. Der Higgs-Nachweis 2012 war eine historische Leistung, zugleich die Bestätigung einer jahrzehntealten Vorhersage: ein Triumph der Ingenieurskunst, kein Paradigmenbruch.

Natürlich gab es seitdem wichtige Ergebnisse. Neutrinoszillationen sind der berühmte Riss: Neutrinos haben Masse, was im ursprünglichen Standardmodell so nicht vorgesehen war. Allerdings bleibt auch hier das Muster erkennbar. Der Riss führt selten zur Revolution; er führt zur Erweiterung. Das Modell wird geflickt, nicht ersetzt.

Die Großexperimente der Gegenwart, etwa DUNE und JUNO, sind Wunderwerke. Unter der Erde wird gebaut, seltene Ereignisse werden gejagt. Parameter werden mit absurden Genauigkeiten gemessen. Wir kartieren die Küstenlinie des Bekannten mit immer höherer Auflösung.

Gleichzeitig steht die Hypothese der „Großen Wüste“ im Raum. Zwischen den Energieskalen, die wir erreichen können, und jenen, auf denen „neue Physik“ vielleicht lauert, könnte schlicht nichts sein. Ein riesiger Bereich ohne neue Teilchen, ohne neue Kräfte. Und ohne etwas, das unsere Theorie zwingen würde, sich umzubauen: Unser Wissen ist so gut belegt, dass es andere Gesetze der Physik in anderen Ecken des Universums bräuchte.

Das ist nicht nur ein physikalisches Problem, sondern auch ein soziologisches. Wenn Empirie keine Führung mehr liefert, entstehen Ersatzkompasse. Schönheit, Natürlichkeit und Eleganz. Diese Dynamik kritisiert Sabine Hossenfelder scharf, etwa in Das hässliche Universum. Gemeint sind Jahrzehnte, in denen mathematische Ästhetik als Ersatzempirie fungiert: Supersymmetrie, Stringtheorie, die Hoffnung, das Universum müsse unseren Geschmack teilen.

Daraus müssen wir nicht „die Physik ist fertig“ machen. Die Physik ist nicht fertig. Aber wir stecken in einer Lage, in der Entdeckung extrem teuer geworden ist und Bestätigung extrem attraktiv. Der goldene Käfig entsteht aus Erfolg, Kosten, Messkultur, und ja, auch aus Finanzierung.

VIII

Ähnliches gilt in der Kern- und Materialphysik. Die Suche nach der „Insel der Stabilität“ ist faszinierend und technisch atemberaubend. Sie erweitert das Periodensystem, testet Vorhersagen, schafft kurzlebige Atome: Grenzarbeit.

Und doch bleibt es oft innerhalb dessen, was die Karte schon andeutet. Es ist häufig Erweiterung vorhergesagter Gebiete, nicht Umsturz; Kartografie, nicht neuer Kontinent. Auch hier wieder: Präzision statt Paradigmenwechsel.

IX

In der Welt der Atome lässt sich Stagnation nicht als Update verkaufen. Eine Batterie gehorcht Thermodynamik und Chemie.

Die Lithium-Ionen-Batterie, 1991 kommerzialisiert, basiert auf Forschung der 1970er und 1980er. Das Grundprinzip bleibt stabil: Interkalation, also das Einlagern von Lithium-Ionen in Wirtsgitter. Wir haben diese Technologie enorm verbessert und industrialisiert; der Rahmen bleibt derselbe.

Und in diesem Rahmen gibt es Grenzen. Die theoretische Energiedichte der Interkalationschemie nähert sich einem Bereich, der häufig mit etwa 350–500 Wh/kg beschrieben wird. Das ist keine magische Zahl, sondern Ausdruck der Tatsache, dass Energie nicht beliebig komprimiert werden kann, ohne dass Materialien, Reaktivität und Nebenreaktionen die Rechnung sprengen.

Weil diese Mauer nicht verschwindet, verlagert sich Innovation dorthin, wo noch Spielraum bleibt. Viel passiert im Prozess, viel im Packaging. Semi-Solid-Ansätze sind ein Beispiel. Dry Coating ist ein anderes. Cell-to-Pack und strukturelle Integration gehören dazu, ebenso Gigacasting. „Totes Gewicht“ wird entfernt, Pack-Dichten steigen, Kosten sinken, Fertigung skaliert.

Das ist realer Fortschritt, allerdings ein anderer Typ als der, den das Fortschrittsnarrativ gern verspricht. Keine neue Chemie, die den Rahmen sprengt; Hyper-Optimierung im bestehenden Rahmen.

Hier wird Baudrillard plötzlich praktisch: Die Karte überlagert das Gebiet. Design und Formfaktor werden zur Bühne, auf der „Innovation“ gespielt wird, weil das eigentliche Gebiet, die Chemie, kaum nachgibt.

Wir haben die Batterie nicht neu erfunden; wir haben gelernt, sie besser zu stapeln.

X

An dieser Stelle lohnt der Blick auf die Verteilung. Der Satz „seit den 1970ern nichts Neues“ wird als Absolutsatz schnell ungerecht, wenn er unpräzise stehen bleibt.

Seit den 1970ern hat sich die Welt der Bits massiv beschleunigt. Rechenleistung, Kommunikation, Software, Medien: Dort sind Grenzkosten niedrig, Iteration billig, Fehler reversibel. Milliarden Nutzer:innen lassen sich aktualisieren, ohne dass eine Brücke gebaut wird.

In der Welt der Atome ist das anders. Infrastruktur ist teuer. Sie ist träge, politisch blockierbar und materialgebunden. Energieerzeugung, Transportgeschwindigkeit und Rohstoffeffizienz haben physische und soziale Grenzen.

Wenn gleichzeitig Ungleichheit wächst und Fortschritt sich in Felder verlagert, die als Wohlstandsgewinn nicht mehr breit ankommen, entsteht eine doppelte Illusion. Oberfläche wird schneller, aber das Leben fühlt sich nicht entsprechend leichter an. Wir bekommen bessere Geräte, allerdings keine besseren Strukturen; mehr Information, allerdings nicht automatisch mehr Handlungsfähigkeit.

Fortschritt ist nicht verschwunden. Er ist verschoben, und er ist ungleich verteilt.

XI

Dann kommt generative KI, und mit ihr die Versuchung, alles zu vergessen. KI wirkt wie der lang erwartete Ausbruch und endlich wieder wie etwas, das nach Paradigmenwechsel aussieht. In mancher Hinsicht ist es das auch. LLMs verändern Arbeit: Textproduktion, Softwareentwicklung, Wissenszugang.

Trotzdem lässt sich KI als Apotheose der hypermodernen Logik lesen: als Punkt, an dem Kuration und Simulation ineinanderkippen. LLMs „wissen“ nichts im menschlichen Sinn. Sie sind probabilistische Maschinen, trainiert auf dem Korpus der bestehenden Kultur. Sie erzeugen plausible Fortsetzungen, produzieren Oberfläche in industriellem Maßstab. Damit sind sie perfekte Werkzeuge einer Epoche, die Oberfläche mit Fortschritt verwechselt.

Die Analyse AI Slop bringt dafür das passende Wort, gerade weil es so unfeierlich ist: eine ökologische Verschmutzung des Diskurses durch massenhaft erzeugten, minderwertigen Inhalt. Das Problem ist nicht nur ästhetisch, sondern epistemisch. Wenn Literatur, Medien, Dokumente, sogar wissenschaftliche Texte mit plausibler Simulation geflutet werden, erodiert die Verifikationskette.

Dazu kommt das mathematische Risiko des Model Collapse. Wenn Modelle zunehmend mit Daten trainiert werden, die andere Modelle erzeugt haben, schrumpfen die Ränder der Verteilung. Seltenes, Abweichendes, wirklich Neues verschwindet zuerst. Übrig bleibt der beige Mittelwert der Plausibilität.

Als Metapher ist das fast zu perfekt: Eine Kultur, die sich mit ihrem eigenen Output füttert, verliert die Fähigkeit, neue Daten von den Grenzen der Realität aufzunehmen. Wir optimieren das Bekannte, bis das Bekannte zur Welt wird.

XII

Die problematischste Form dieser Dynamik ist nicht das peinliche KI-Posting. Sie liegt dort, wo Sprache nicht nur Darstellung ist, sondern Handlung: in Governance, Wissenschaftsbetrieb, Recht, Policy, Förderwesen.

Wenn Dokumente, Berichte, Evaluationsunterlagen, Policy-Papiere oder Manuskripte zunehmend aus maschinell erzeugter Plausibilität bestehen, entsteht eine neue Art von Blindheit. Es ist nicht einfach Unwissen; es ist Ignoranz zweiter Ordnung: Niemand weiß mehr, ob überhaupt jemand weiß. Die Vertrauenskette kollabiert nicht spektakulär, sondern leise.

Die Pointe ist bitter. Gerade weil Mess- und Verwaltungssysteme so mächtig sind, lassen sich Halluzinationen leichter als „Daten“ durchreichen. Dann entsteht Potemkin-Effizienz: alles wirkt schneller, die Substanz verschwindet.

In so einer Welt ist „Science is toast“ kein Tweet, sondern eine strukturelle Gefahr. Wissenschaft als institutionalisierte Wahrheitsproduktion stirbt nicht durch Zensur, sondern durch Entropie.

XIII

Wenn wir diese Stränge zusammenziehen, entsteht kein schlichtes „alles ist schlecht“. Es entsteht etwas Präziseres, und Unheimlicheres.

1971 steht für eine Anreizverschiebung, World3 für den Schatten der Grenze; in den Sozialwissenschaften der Rückzug in Methode, in der Physik der Präzisionskäfig, bei Batterien die Chemie-Mauer, und KI bringt den Simulationsexzess.

Wir sind sehr gut darin geworden, innerhalb von Rahmen zu perfektionieren. Wir sind schlechter darin geworden, neue Rahmen zu riskieren. Der Ausweg ist kein neues Buzzword, keine Hoffnung auf „die nächste Disruption“. Der Ausweg wäre eine Rückkehr zum Realen, nicht als romantischer Naturkult, sondern als institutionelle Entscheidung.

Dazu müsste Risiko wieder finanziert werden, nicht nur verwaltet; Karrierepfade so gebaut, dass Abweichung nicht beruflicher Selbstmord ist; Metriken, die nur Optimierung messen, müssten an Macht verlieren; Bürokratie begrenzt werden, nicht nur digitalisiert; Empirie gestärkt, nicht nur Modelle verschönert. Und in den Atomen müsste wieder so viel gewagt werden wie in den Bits.

Gegenüber KI bräuchten wir eine einfache, allerdings unbequeme Disziplin: Output ist nicht Erkenntnis, Plausibilität nicht Wahrheit, Geschwindigkeit nicht Fortschritt.

Vielleicht ist das der Bruch, der uns fehlt: nicht eine neue Maschine, sondern die Bereitschaft, wieder in Kontakt mit Grenzen zu gehen, dorthin, wo Systeme wehtun, wo Messung teuer ist, wo Scheitern möglich ist, wo Kuration nicht hilft, weil noch nichts da ist.


Die Hypermoderne ist die Epoche, in der wir gelernt haben, die Karte bis zur Besessenheit zu verfeinern. Wollen wir aus der Asymptote heraus, müssen wir wieder das tun, was wir verlernt haben: das Gebiet betreten.


Titelbild: „Die Wissenschaften und die Künste“ (Adriaen van Stalbemt / Hieronymus Francken II, ca. 1607) {Glitch}