„Der Turmbau zu Babel“ (Pieter Bruegel der Ältere, 1563) {Glitch}

Der Plot-Twist

2025.09.21

Visionen verführen leicht – in das Bild der autarken Solarpunk-Stadt, in die Eleganz der Donut-Ökonomie oder in die Schwarmintelligenz eines dezentralen Netzwerks. Wir wünschen uns Veränderung wie einen James Bond-Film: ein Held, ein Plan, eine Explosion, gerettet.

Echte Systemveränderung liest sich eher wie John le Carré: Graue Aktenordner, zähe Verhandlungen in verrauchten Hinterzimmern, die ständige Angst, dass die eigene Abteilung undicht ist. Kein Glamour. Zermürbende Detailarbeit.

Die Realität ist messy. Sie ist voller Reibung, Trägheit und jener unbeabsichtigten Konsequenzen, die John Gall in seiner Systems Bible lakonisch beschrieb: „Ein komplexes System, das funktioniert, ist ausnahmslos aus einem einfachen System hervorgegangen, das funktioniert hat.“

Der Weg zur Protopie pflastert sich mit Wracks gescheiterter Pilotprojekte. Das ist allerdings kein Grund für Zynismus, sondern eine Einladung zur Analyse. Bent Flyvbjerg hat sein Leben dem gewidmet, warum Dinge schiefgehen. Seine Antwort: Wir sind süchtig nach dem besten Fall. Wir planen für eine Welt ohne Reibung.

Doch die Welt besteht aus Reibung. Wer Systeme baut, die überleben sollen, lernt: Scheitern ist Baumaterial.

I

Im November 2021 hatte eine Gruppe von Krypto-Enthusiasten eine Idee. Sie wollten eine der wenigen verbliebenen Originalkopien der US-Verfassung kaufen. Sie gründeten die ConstitutionDAO. Innerhalb weniger Tage sammelten sie über 40 Millionen Dollar von 17.000 Menschen, ein Triumph der Stigmergie: ein digitales Signal, das Massen zog.

Dann kam die Auktion, und sie verloren gegen Ken Griffin, einen Hedgefonds-Milliardär. Der Grund: ihre radikale Transparenz. Auf der Blockchain war ihr Kontostand für alle sichtbar. Griffin wusste exakt, was er bieten musste.

Es war ein klassischer Fall des „Dunklen Waldes“, jenes Konzepts aus Liu Cixins Science-Fiction-Epos Die drei Sonnen. Wer seine Koordinaten und Ressourcen laut in den Äther brüllt, wird vernichtet, im Universum wie im Haifischbecken der Hochfinanz. Die DAO glaubte an die Gemeinschaft; der Markt antwortete mit Prädation.

Doch das zwangsläufige Scheitern lag tiefer, im technolibertären Glaubenssatz Code is Law. Dahinter steckt ein Irrtum: dass wir die chaotische Realität menschlichen Miteinanders in starre Protokolle gießen könnten. Steuerrecht ist kompliziert, weil das Leben aus Ausnahmen und Abhängigkeiten besteht, nicht weil Bürokrat:innen es lieben. Das durch Algorithmen ersetzen zu wollen ist eine normative Projektion: Weil ich die Welt logisch sehe, müssen alle so funktionieren. In der Entwicklungspsychologie nach Jane Loevinger oder Robert Kegan ist das eine Verwechslung der eigenen Bedeutungskonstruktion mit der (ohnehin nicht existierenden) objektiven Realität.

Jo Freeman schrieb 1970 einen Essay, der heute wie eine Prophezeiung für das Web3 klingt: The Tyranny of Structurelessness. Ihre These: Es gibt keine strukturlosen Gruppen. Sobald Menschen zusammenkommen, bilden sich Hierarchien. Wenn wir sie nicht formalisieren, bilden sie sich informell.

Die Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin illustrierte das großartig in Die Enteigneten. Auf dem Anarchisten-Mond Anarres gibt es keine Regierung, keine Gesetze. Und doch stößt Shevek auf massiven Widerstand: Kulturelle Normen und informelle Netzwerke unterdrücken abweichende Meinungen wirksamer als jede Polizei. Wo keine offizielle Macht ist, wird soziale Ächtung zur Waffe.

Die Lektion: Offene Dezentralität braucht Protokolle und Konfliktlösung jenseits des Codes. Ohne diese Mechanismen ist ein „Gewebe“ nur ein Haufen Fäden, über den wir stolpern.

II

Amsterdam gilt als Musterbeispiel der Donut-Ökonomie, als die Stadt, die Ernst macht. Doch ein Spaziergang durch die neuen, nachhaltigen Viertel offenbart ein Problem: Wer kann sich das leisten.

Wenn eine Stadt grüner, lebenswerter, autofrei und zirkulär wird, greift eine ökonomische Mechanik: Sie wird attraktiver. Die Immobilienpreise steigen, und Investoren stürzen sich auf das „nachhaltige Image“, um Luxuswohnungen zu vermarkten.

Das ist das Paradoxon der Verbesserung. Wer die Lebensqualität hebt, verdrängt oft genau die Menschen, die das soziale Fundament des Donuts am dringendsten brauchen. Der Pfleger, die Lehrerin, die Reinigungskraft: Sie weichen an den Rand, in die grauen Vorstädte, die noch nicht transformiert wurden.

Kate Raworth und die Stadtverwaltung wissen das und kämpfen mit Quoten dagegen an: Bei neuen Projekten müssen 40 Prozent Sozialwohnungen sein, 40 Prozent mittleres Segment und nur 20 Prozent freier Markt.

Es ist ein Kampf gegen die Schwerkraft des globalen Kapitals. Ein Subsystem lässt sich nicht perfektionieren, solange das Metasystem nach anderen Regeln spielt. Eine Stadt nicht, solange der globale Immobilienmarkt es nicht zulässt. Lokale Utopien stoßen an globale Grenzen.

III

Wie baut man Systeme, die nicht an ihrer eigenen Naivität zerbrechen? Bent Flyvbjerg liefert in seinem Buch How Big Things Get Done eine Formel, die kontraintuitiv klingt: Think Slow, Act Fast

Wir machen es meist umgekehrt. Wir haben eine Idee, „Lasst uns eine DAO gründen!“, und rennen los, getreu dem Silicon-Valley-Mantra „Move fast and break things“. Wir handeln schnell, denken später, und stecken dann jahrelang im Morast unvorhergesehener Probleme. Flyvbjerg rät: mehr Zeit in Planung und Simulation, und die Frage, „Warum ist das beim letzten Mal schiefgegangen?“

Wenn gebaut wird, ist Modularität der Schlüssel. Statt den ganzen Turm auf einmal zu errichten: ein Legostein. Wir testen ihn. Wenn er funktioniert, bauen wir den nächsten. Die Cajun Navy brauchte keinen Masterplan für Houston. Jede:r Bootsbesitzer:in war eine modulare Einheit.

Und Raum für das Ungeplante. William Gibson prägte den Satz: „Die Straße findet ihre eigenen Verwendungen für die Dinge.“ Egal wie perfekt wir den Donut oder die Smart City planen, die Bewohner werden die Technologie zweckentfremden, umgehen oder neu verkabeln. Ein gutes System lässt diese Re-Interpretation zu.

IV

Der Politikwissenschaftler Charles Lindblom nannte das schon 1959 The Science of Muddling Through. Das klingt nach wenig. Wir wollen den großen Wurf, die Revolution, den Masterplan. Doch echte Veränderung, die bleibt, ist inkrementell. Sie ist ein ständiges Tasten, Stolpern und Korrigieren.

Amsterdam ist ein Labor, in dem Dinge explodieren und repariert werden. DAOs sind ein teures Experimentierfeld für neue Governance: Wir lernen, wie digitale Demokratie nicht geht, um vielleicht irgendwann herauszufinden, wie sie geht.

Die post-zynische Haltung bedeutet nicht, an das Happy End zu glauben. Sie bedeutet, an den Prozess zu glauben.

Wir bauen keine Kathedralen mehr für die Ewigkeit, sondern Zelte, die wir reparieren können; Netze, die reißen werden, die wir aber neu knüpfen können. Scheitern ist nicht das Ende der Geschichte. Es ist der Plot Twist, der uns zwingt, besser zu werden.


Titelbild: „Der Turmbau zu Babel“ (Pieter Bruegel der Ältere, 1563) {Glitch}