„Landschaft mit Sturz des Ikarus“ (Pieter Bruegel der Ältere, ca. 1558) {Glitch}

Solarpunk und das Neue Seltsame

2025.09.09

Ein Blick auf Netflix, Spotify oder Airbnb genügt: Alles strebt zum globalen Mittelwert. Filme entstehen so, dass niemand abschaltet; Songs so, dass sie in jede Playlist passen; Innenarchitektur so, dass sie auf Instagram funktioniert, ob in Berlin, Bali oder Brooklyn.

Adam Mastroianni nennt das den Verlust der Deviance – der Abweichung. Wir optimieren die Reibung weg, glätten die Kanten. Wir produzieren Kitsch, weniger im Sinne von Gartenzwergen als vielmehr in der Definition Milan Kunderas: Kitsch als die absolute Leugnung dessen, was am Leben unannehmbar, schmutzig oder verwirrend ist.

Cayce Pollard, die Protagonistin aus William Gibsons Roman Mustererkennung, hat eine physische Allergie gegen Markenlogos und generisches Design. Sie leidet körperlich unter der Glätte der Welt, eine pathologische Reaktion auf den Verlust der Reibung. Sie spürt: Eine Kultur ohne diese Abweichung ist tot, ein geschlossener Kreis, der nur noch sich selbst verdaut.

Doch an den Rändern, wo der Algorithmus noch nicht hinsieht oder verwirrt ist, regt sich etwas: zwei Bewegungen, die den Ausbruch proben. Die eine setzt auf radikale Hoffnung, die andere auf radikales Unbehagen, und beide bergen Gefahren.

I

Kitsch glättet die Welt; das „Neue Seltsame“ (The New Weird) reißt sie auf.

Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie, oder ihr geistiger Vorfahre, Picknick am Wegesrand der Strugatzki-Brüder, beschreibt eine Zone (Area X), in der die Natur sich verändert. Sie wird nicht feindselig, sondern fundamental anders. Menschen verwandeln sich in Pilze, Worte wachsen an Wänden, die Logik von Ursache und Wirkung löst sich auf. Das ist kein Horror, den wir besiegen müssen, sondern eine Begegnung mit dem absolut Fremden.

Der Kulturtheoretiker Mark Fisher unterschied zwischen dem Weird (das, was nicht hierher gehört) und dem Eerie (das, was da ist, wo nichts sein sollte). Das Neue Seltsame konfrontiert uns mit Dingen, die sich nicht in unsere Verwertungslogik pressen lassen. Ein Pilz, der aus einem Laptop wächst, ist nicht „nützlich“ oder „optimiert“. Er ist einfach da und verlangt, dass wir unsere Kategorien ändern.

Unsere Welt ist auf Vorhersagbarkeit getrimmt, von Recommendation Engines bis Predictive Policing; da ist das Seltsame der ultimative Widerstand. Es lässt sich weder vorhersagen noch in einen Marketing-Funnel pressen. Wir brauchen mehr Seltsamkeit, nicht als Flucht, sondern als Training für Immunität gegen den Mittelwert.

II

Die zweite Bewegung wählt den entgegengesetzten Weg: den zum Schönen, allerdings zu einer bestimmten Art davon.

Solarpunk ist die Antwort auf Cyberpunk. Cyberpunk prophezeite eine Zukunft aus High-Tech und Low-Life: Es regnet immer, Konzerne regieren. Solarpunk fragt: Was, wenn es klappt?

Die Ästhetik ist verführerisch: von Pflanzen überwucherte Jugendstil-Architektur, Wolkenkratzer aus Holz und Glas, Windräder, die wie Kunstwerke aussehen. Technologie wird nicht versteckt, sondern ist reparierbar, dezentral und verständlich.

Doch Solarpunk ist mehr als eine Pinterest-Ästhetik; es ist gelebte Praxis. Sie steckt im Mesh-Netzwerk in New York City, wo Nachbar:innen Antennen auf Dächer schrauben, um ihr eigenes Internet zu bauen, unabhängig von Providern wie Comcast. Sie steckt in der Right-to-Repair-Bewegung, die das Recht fordert, Traktoren und iPhones selbst zu reparieren. Und sie lebt im Gemeinschaftsgarten in Detroit, der neben Tomaten auch Zusammenhalt anbaut.

So nimmt Solarpunk die Technologie aus den Händen der Giganten und holt sie ins Gewebe der Gesellschaft zurück.

III

Allerdings hat Solarpunk Fans, die ihn absichtlich missverstehen.

Die Renderings von Praxis und die Visionen von Balaji Srinivasan für den Network State sprechen eine deutliche Sprache. Die Ästhetik ist Solarpunk, weiße Türme, viel Grün, saubere Energie, aber die Struktur darunter ist neomittelalterlich.

Für die Sovereign Individuals, die Tech-Elite auf der Suche nach dem Exit, ist Solarpunk das perfekte Tarnkleid. Es verspricht Autarkie: „Ich produziere meinen eigenen Strom, ich drucke mein eigenes Essen, ich brauche keinen Staat.“ Was nach Freiheit klingt, ist oft nur die Freiheit, die Brücken hinter sich hoch zu ziehen.

Es ist das Szenario eines jeden Bond-Bösewichts, modernisiert durch das Silicon Valley. Im Film Kingsman will der Tech-Milliardär Valentine die Erde retten, indem er das „Virus Mensch“ dezimiert und die Eliten in sicheren Bunkern bewahrt. Die Ästhetik ist sauber und effizient; die Moral dahinter ist zutiefst faschistoid.

Die „Zurück zur Natur“-Romantik und protofaschistische Ideen liegen unheimlich nah beieinander. Autarkie, Reinheit und geschlossene Kreisläufe steckten auch in der „Blut und Boden“-Ideologie. Ein Paradies für wenige, während der Rest der Welt draußen in der Hitze bleibt: Das ist kein Fortschritt, sondern Öko-Faschismus mit besserem Design.

Eine Solarpunk-Villa, die von bewaffneten Drohnen bewacht wird, ist kein Solarpunk. Sie ist ein Bunker mit Wintergarten.

IV

Es gilt also, die Kraft dieser Bewegungen zu nutzen, ohne in ihre Fallen zu tappen. Wir müssen das Seltsame und das Solare verbinden.

Solarpunk braucht das Weird, sonst wird er totalitär. Eine saubere, perfekte Utopie ist verdächtig. Das Leben ist schmutzig, chaotisch, pilzartig. Ein Solarpunk-Garten wuchert, kompostiert, stinkt manchmal; er ist kein Golfplatz. Er ist ein Metabolismus, kein Monument.

Umgekehrt braucht das Seltsame den Solarpunk, sonst endet es im reinen Horror. Wir brauchen Visionen, wie Technologie uns helfen kann, statt uns nur zu entfremden.

Wir müssen raus aus der Dichotomie von Utopie und Dystopie. Was wir brauchen, ist das, was Kevin Kelly Protopie nennt, einen Zustand, der heute ein kleines bisschen besser ist als gestern. Nicht perfekt, aber jeden Tag ein bisschen besser. Es ist die „ambivalente Utopie“, wie sie Ursula K. Le Guin in Die Enteigneten beschrieb: eine Gesellschaft, die funktioniert, nicht weil sie im Überfluss schwimmt, sondern weil sie soziale Reibung zulässt und Solidarität zum Überleben braucht.

Die wahre Abweichung ist heute: in der Realität bleiben und dort Reibung erzeugen. Wir reparieren Dinge, die wir wegwerfen sollen, bauen lokale Netzwerke, die nicht wachsen müssen. Es zeigt sich in Kunst, die verstört statt sofort zu gefallen, und in Technologie, die uns verbindet, dem Gewebe, statt uns in Bunkern zu isolieren. Der Ausbruch aus dem Mittelwert beginnt hier unten, mit anderen Geschichten, nicht auf dem Mars. Geschichten, die vielleicht ein bisschen seltsam sind, ein bisschen schmutzig, aber lebendig.


Titelbild: „Landschaft mit Sturz des Ikarus“ (Pieter Bruegel der Ältere, ca. 1558) {Glitch}