„Venus, Amor, Torheit und Zeit“ (Agnolo Bronzino, ca. 1545) {Glitch}

Reiner Kitsch?

2025.06.17

„Kitsch ist Kunst, die keine Reibung erzeugt.“

Kitsch bietet eine glatte Oberfläche. Wir gleiten daran vorbei, unverändert. Er bestätigt, was wir fühlen und denken; er liefert Emotionen, die schon portioniert sind. Er lässt uns, wie wir sind.

In „keine Reibung“ höre ich Hartmut Rosas Resonanz-Begriff. Kitsch erzeugt ein Echo, kein resonantes Verhältnis. Ein Echo wirft nur zurück, was wir hineinrufen. Resonanz antwortet: Werk und Betrachter:in verwandeln sich beide.

Kitsch plappert uns nach, er spricht nicht zu uns. Er ist die Simulation einer tiefen Erfahrung, wie Jean Baudrillard es nennen würde: ein Simulakrum, das Tiefe vortäuscht und hohl ist.

Kunst, die Reibung erzeugt, tut das Gegenteil. Sie stellt unsere Deutungsmuster auf den Kopf, zwingt uns, neu zu ordnen, was wir sehen, und verunsichert uns, heilsam. Robert Kegan würde sagen: Sie macht zum Objekt, was bisher Subjekt war, die Brille, durch die wir die Welt sehen. Plötzlich halten wir sie in der Hand.

Kitsch stabilisiert unser System. Kunst mit Reibung verwandelt es. Sie treibt vertikale Entwicklung an; Kitsch ermöglicht bestenfalls horizontales Lernen, innerhalb dessen, was wir schon bedeuten. Er füllt unseren Behälter, ohne ihn zu weiten.

Dabei hat auch das Reibungslose seinen Platz: ein Ort zum Ausruhen, eine bewusste Wahl für das Einfache. Die Frage ist, was es uns gerade leistet.

I. Für wen ist Kitsch reibungslos?

Kitsch als Kunst ohne Reibung: Diese Definition setzt Betrachter:innen voraus, die bereits ästhetische und emotionale Komplexität kennen. Wessen Identität eng mit einer Gruppe verwoben ist, für den erzeugt Kitsch durchaus Reibung, nur anders.

Der Porzellanengel ist vielleicht kein intellektueller Störfaktor, aber er ist ein starkes Symbol der Zugehörigkeit. Wer ihn „Kitsch“ nennt, reibt an den gemeinsamen Werten der Gruppe, an ihrer Identität. Reibungslosigkeit ist relativ: Sie hängt an der Bedeutungskonstruktion der Betrachter:innen.

II. Die Reibung der Glätte

Kann die Abwesenheit von Reibung nicht selbst zur größten Reibung werden? Wer sich nach Tiefe sehnt, nach Verwandlung, dem wird die Glätte des Kitsches unerträglich. Sie reibt an unserem Hunger nach dem Echten, nach Wachstum. Die Leere, das Zu-Einfache, sticht.

Die Reibung entsteht aus dem Abstand zwischen dem, was das Werk gibt, und dem, was wir brauchen.

III. Der Kontext als Reibungserzeuger

David Chapman würde auf die fließenden Grenzen des Kontexts zeigen. Ein kitschiger Gartenzwerg im Vorgarten erzeugt keine Reibung. Derselbe Gartenzwerg, allein in der Mitte einer minimalistischen Kunstgalerie platziert, erzeugt immense intellektuelle Reibung. Er stellt Fragen: Was ist Kunst? Was ist Geschmack, Ironie, Wert?

Das Objekt ist dasselbe; der Rahmen hat es verwandelt. Ist Kitsch also eine Eigenschaft des Objekts selbst oder eine Funktion seiner Beziehung zum Kontext?

IV. Die Funktion des Puffers

Welche Funktion erfüllt Kitsch? Vielleicht ist seine Aufgabe gerade, Reibung zu reduzieren, in einer Welt, die von Komplexität und Ambiguität überladen ist. Er ist ein Puffer, ein emotionaler Schutzraum.

Diesen Schutzraum zu schaffen ist selbst eine Leistung. Wer ihn als reibungslos abtut, übersieht, wie viel Komplexität er abfedert.


Diese Punkte zusammengenommen, würde ich die ursprüngliche These verschieben:

Kitsch ist der Versuch, eine Erfahrung ohne Reibung zu schaffen.

Ob dieser Versuch gelingt, bleibt offen. Kontext, Sehnsucht, schiere Glätte: Sie alle können neue Reibung erzeugen.

Die Reibung entsteht vielleicht weniger im Objekt als in der Beziehung, die wir zu ihm haben. Umgekehrt: Welche Reibung erzeugt es in uns, etwas „Kitsch“ zu nennen?


Titelbild: „Venus, Amor, Torheit und Zeit“ (Agnolo Bronzino, ca. 1545) {Glitch}