„The Ancient of Days“ (William Blake, 1794) {Glitch}

Was ist Astropolitik?

2025.06.11

Im Oktober 2019 schoss Indien einen eigenen Satelliten ab. Eine von der Erde gestartete Rakete zerstörte das Ziel in dreihundert Kilometern Höhe. Premierminister Narendra Modi verkündete stolz: „Indien ist jetzt eine Weltraummacht.“ Dieser Status definierte sich nicht durch den Bau einer Raumstation oder eine bemannte Mission, sondern durch die demonstrierte Fähigkeit zur Zerstörung.

Das ist gelebte Astropolitik, und sie folgt anderen Gesetzen als die Geopolitik.

I

Die Geopolitik seit dem neunzehnten Jahrhundert ruht auf einem Gedanken: Geographie bestimmt das Schicksal. Wer die Meere kontrolliert, kontrolliert den Handel. Wer das Heartland kontrolliert, kontrolliert Eurasien und damit die Welt.

Admiral Alfred Thayer Mahan schrieb das 1890 nieder, in The Influence of Sea Power upon History. Seine These: Das britische Empire dominierte, weil es die Meere und ihre strategischen Nadelöhre, die Choke Points (Straße von Malakka, Suezkanal, Gibraltar), kontrollierte. Halford Mackinder antwortete 1904 mit dem Konzept des Heartlands, der eurasischen Landmasse.

Das waren Lesarten, Karten, um Macht zu verstehen, keine Prophezeiungen. Alle ruhten auf einer Konstante: der Erde. Eine feste Geographie aus Bergen, Meeren und Inseln bildete das stabile Schachbrett, auf dem Staaten als Spieler agierten.

Und dann verließen wir die Erde.

II

Der Weltraum hat eine Geographie. Das ist der Ausgangspunkt von Everett C. Dolmans Astropolitik: Classical Geopolitics in the Space Age (2002).

Orbits funktionieren wie Meeresstraßen: Einige sind stabil, etwa der geostationäre Orbit in 36.000 km Höhe für Kommunikation; andere liegen niedrig, zwischen 200 und 800 km, ideal für Aufklärung. Es gibt Strahlungsgürtel, die gemieden werden müssen, und Lagrange-Punkte, an denen sich die Gravitation aufhebt, perfekte Orte für Stationen.

Dolman unterscheidet vier Regionen: Terra (Erde), Earth Space (vom niedrigsten Orbit bis zum geostationären), Lunar Space (bis zum Mond) und Solar Space (alles darüber hinaus).

Seine an Mackinder angelehnte These lautet: „Wer den niedrigen Erdorbit kontrolliert, kontrolliert den erdnahen Raum. Wer den erdnahen Raum kontrolliert, dominiert die Erde. Wer die Erde dominiert, bestimmt das Schicksal der Menschheit.“

Diese strategische Analyse ruht auf einer schlichten Wahrheit: Der Weltraum ist die absolute Höhe. Wer von oben schießen kann, erreicht jeden Punkt der Erde, jederzeit, ohne Vorwarnung.

III

Geopolitik rechnet mit Konstanten; die Astropolitik hat nur Variablen. Satelliten bewegen sich, Orbits verfallen, Weltraumschrott häuft sich. Die „Geographie“ des Weltraums ändert sich ständig, weil wir sie durch unser Handeln verändern.

Die Geopolitik ruhte auf dem Westfälischen System der Staaten; in der Astropolitik lösen sich die Akteur:innen auf. SpaceX startet mehr Raketen und kontrolliert mehr Satelliten als alle Staaten zusammen. Die Grenzen zwischen staatlich und privat lösen sich auf.

Geopolitik ist oft Mangelverwaltung, Öl, Wasser. Die Astropolitik verspricht theoretisch unendliche Ressourcen, Asteroiden-Platin, Mond-Wasser. Knapp ist nur der Zugang.

Der First Mover Advantage ist absolut: Wer zuerst da ist, gewinnt dauerhaft. Wer zuerst den niedrigen Erdorbit kontrolliert, kann jeden anderen am Zugang hindern. Wer zuerst auf dem Mond ist, beansprucht die besten Basen. In der Geopolitik sind Aufholjagden möglich. Dolman glaubt: Im Weltraum nicht.

IV

1967, mitten im Kalten Krieg, einigten sich die USA und die Sowjetunion auf den Weltraumvertrag: Weltraum als gemeinsames Erbe der Menschheit, keine Atomwaffen im Orbit, keine territoriale Aneignung, keine Militärbasen auf dem Mond.

Es war der Versuch, das Westfälische System kooperativ ins All zu verlängern. Das funktionierte, solange nur Supermächte die extrem teure Technologie besaßen. Doch diese Zeit ist vorbei.

Die Startkosten sind um neunzig Prozent gefallen. SpaceX startet und landet Raketen. Der Outer Space Treaty verbietet zwar territoriale Aneignung, schweigt aber zur kommerziellen Nutzung. Die Artemis Accords, von den USA angestoßen, öffnen eine Lücke: Wer auf dem Mond eine Mine betreibt, darf eine „Sicherheitszone“ erklären. Das ist zwar keine Souveränität, kommt ihr in der Praxis aber sehr nahe.

China und Russland erkennen die Accords nicht an und bauen ihre eigene Mondstation nach eigenen Regeln. Der Vertrag von 1967 wird nicht gekündigt; er wird überholt, von der Realität privater Akteur:innen.

V

Astropolitik ist längst Praxis.

Anti-Satelliten-Waffen (ASAT)

2007 zerstörte China einen eigenen Satelliten, 3.000 Trümmerteile. 2019 tat Indien dasselbe. 2021 folgte Russland und zwang die ISS zum Ausweichen. Militärische Notwendigkeit war das keine; das waren Machtdemonstrationen: Wir können eure Satelliten zerstören.

Das ist die Logik der Denial-Strategie: Wenn ich den Weltraum nicht haben kann, soll ihn niemand haben.

Kommerzielle Akteur:innen als strategische Spieler:innen

Das ist eine strategische Verschiebung: Zugang zum Weltraum ist Macht. SpaceX startet mehr Raketen als der Rest der Welt zusammen, 98 allein im Jahr 2023, schon 134 im Jahr 2024.

Die USA starten ihre Spionagesatelliten auf SpaceX-Raketen. Das Pentagon kauft Starshield-Kapazität. Doch SpaceX gehört einem Mann mit eigenen außenpolitischen Positionen. Als Elon Musk Starlink über der Krim abschaltete, handelte er, wie früher nur Staaten handelten. Das ist das neue Normal.

Der Mond als ökonomisches Schlachtfeld

Die USA bauen mit dem Artemis-Programm ab 2026 eine Mondbasis für den Bergbau. China und Russland planen dasselbe. Das Ziel sind Ressourcen: Das Wasser-Eis an den Polen ist potenzieller Raketentreibstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Wer Wasser auf dem Mond hat, spart den teuren Transport von der Erde.

Hinzu kommen seltene Erden und Helium-3. Asteroiden sind der nächste Schritt. Ein einziger metallreicher Asteroid kann mehr Platin enthalten als je auf der Erde gefördert wurde. Wer zuerst dort ist, sichert sich den Gewinn.

Weltraum als Kriegsdomäne

Der Zweite Golfkrieg 1991 war der erste Weltraumkrieg: GPS, Aufklärung, Kommunikation, alles lief über Satelliten. Moderne Armeen hängen zu 90 % an Satelliten; damit werden diese zu Zielen.

Die USA haben ein United States Space Command, China die Strategische Unterstützungsstreitkraft, und Russland nutzt Pereswet, ein Laser-System, das Satelliten blenden kann. Der Outer Space Treaty verbietet zwar Massenvernichtungswaffen, aber keine konventionellen Waffen, Laser oder Cyber-Angriffe auf Satelliten. Die Lücken im Vertrag sind groß genug für alles, was zählt.

Das Kessler-Syndrom

Über 30.000 Objekte rasen im Orbit, dazu Millionen kleinere, unsichtbar für jedes Radar. Jede Kollision erzeugt mehr Trümmer, die neue Kollisionen auslösen, eine Kaskade, bis der Orbit gesperrt ist.

Das ist die Tragödie der Allmende im Weltraum. Jeder hat einen Anreiz, schnell Satelliten zu starten, bevor die besten Orbits besetzt sind. Der Einzelne gewinnt, das Kollektiv verliert, bis der Orbit unbenutzbar ist und eine Zivilisation, die auf Satelliten ruht, kollabiert.

VI

Geopolitik kontrollierte Raum; Astropolitik kontrolliert den Zugang dazu. Die Akteur:innen sind nicht mehr nur Staaten, sondern Unternehmen und Einzelne, die in unklaren Verträgen und ohne klare Verantwortung handeln.

In der Geopolitik konnte Macht sich verschieben; in der Astropolitik, so die These, bleibt der erste Vorsprung für immer.

VII

Der Realist Dolman fordert: Die USA sollen den Orbit jetzt kontrollieren, als „wohlwollender Hegemon“, bevor ein anderer es tut. Der Liberale Daniel Deudney warnt, dass das planetare Hegemonie und pures Imperium sei. Seine Lösung ist Kooperation nach dem Vorbild der ISS.

Beide haben recht. Dolmans „wohlwollende Hegemonie“ ist imperiale Apartheid. Deudneys Kooperation übersieht, dass Akteur:innen wie SpaceX keine Staaten sind, und Macht behalten wollen.

Kritische Geopolitiker:innen warnen: Wir erschaffen die Realität, die wir beschreiben. Wer den Weltraum als Schlachtfeld beschreibt, baut es.

Wir handeln bereits, als ob es ein Wettrennen wäre.

VIII

Astropolitik ist eine junge Lesart, ein Versuch, Muster zu erkennen. Aber die Korrelationen sind stark. Staaten und Unternehmen handeln, als sei der First Mover Advantage absolut.

Vielleicht ist das eine selbsterfüllende Prophezeiung. Oder vielleicht ist die Logik der Macht, die Mahan für die Meere beschrieb, universell und gilt auch für den Weltraum.

Wir wissen, dass diese Lesart konstruiert ist, dass wir das Problem vielleicht erschaffen, indem wir es beschreiben. Und trotzdem lesen wir die Zeichen, weil Aufmerksamkeit die Grundlage ist, um zu handeln.


Indien zerstörte einen Satelliten, um zu zeigen, dass es kann. Die Trümmer kreisen noch. Jedes Teil ein Zeichen, eine Warnung. Astropolitik ist da. Die Frage ist, wie wir uns darin verhalten.


Titelbild: „The Ancient of Days“ (William Blake, 1794) {Glitch}