„Die Schlacht bei Issus“ (Albrecht Altdorfer, 1529) {Glitch}

Wenn sterbende Giganten kämpfen

2025.08.04

Seit 2000 ist etwas zerbrochen. Die RAND Corporation, Denkfabrik des Pentagon, hat dafür einen Namen: Neomittelalter. Das ist ihre offizielle Analyse der Gegenwart, verfasst für das Office of the Secretary of Defense.

Der Bericht beschreibt schwächelnde Staaten und fragmentierte Gesellschaften; eine Welt, in der die Kategorien des 20. Jahrhunderts, wie Krieg und Frieden oder staatlich und privat, ihre Trennschärfe verlieren. Die Autor:innen sind Sicherheitsexpert:innen mit Zugang zu Verschlusssachen. Sie analysieren die Rivalität zwischen den USA und China. Ihr Schluss: Sie ähnelt weniger den Kämpfen der Weltkriege als den zersplitterten Machtverhältnissen vor dem Westfälischen Frieden.

Die Konsequenzen sind konkret. Diese Konfrontation findet weniger in der Taiwanstraße statt als in den Minen der Demokratischen Republik Kongo, wo auch Kinder Kobalt aus der Erde kratzen. China sichert sich durch Infrastruktur-Deals exklusive Schürfrechte, baut Straßen und Häfen für den Abtransport, bindet lokale Eliten durch Schulden. Die USA antworten mit Sanktionen und stützen Anrainerstaaten wie Ruanda, um Chinas Logistik zu stören.

I

Was nach Schach aussieht, ist ein molekularer Krieg um Mineralien, ausgefochten mit Söldner:innen, Bestechung und gelegentlich Drohnen. Die Staaten, in denen das stattfindet, sind Kulissen. Ihre Regierungen verhandeln nicht; sie vermitteln zwischen rohstoffhungrigen Konzernen und den Milizen, die sie kontrollieren.

Die RAND-Analyse nennt das „geschwächte Staaten in Regionen mit strategischer Bedeutung“. Vor Ort sieht es aus wie Anarchie. Von weitem ist es ein System, das niemand ganz überblickt.

Beide Imperien zeigen dasselbe Muster: Je mehr sie nach außen expandieren, desto brüchiger werden sie im Inneren. Ihre Legitimität schwindet, die Gesellschaften zerfallen. Soziale Ungleichheit und Misstrauen in Institutionen sind in beiden Systemen tief verwurzelt.

Peking antwortet mit Unterdrückung in Xinjiang und Hongkong, mit verschärfter ideologischer Gleichschaltung und dem Social Credit System, dem Versuch, Gesellschaft durch Überwachung gefügig zu machen. Die USA reagieren auf Polarisierung und Stillstand mit einem Kulturkrieg, der den Feind im Inneren sucht.

Die RAND-Autor:innen schreiben nüchtern: „Die Realitäten staatlicher Schwäche sollten zentrale Überlegungen in aller Verteidigungsarbeit werden. Die Abschreckung von Angriffen, die die politische Legitimität bedrohen, sollte gleiche oder höhere Priorität haben als die Abschreckung konventioneller militärischer Angriffe.“ Der größte Feind ist der Zerfall von innen.

II

Europa ist dabei weder Spieler noch Zuschauer, sondern ein Spielfeld. Technologisch ist es ein Vasall: Die Huawei-Debatte war kein souveräner Prozess, sondern ein Loyalitätstest, den Washington erzwang. Wirtschaftlich ist Europa gespalten, Deutschland existenziell von China abhängig, militärisch ein US-Protektorat.

Die viel beschworene strategische Autonomie ist Rhetorik. Europa besitzt ASML, den einzigen Hersteller der Maschinen für fortschrittliche Halbleiter. Die USA kontrollieren die Exportlizenzen.

Während die USA und China um Lithium kämpfen, reguliert Europa Ladekabel. Das ist nicht zwingend ein Versagen, aber die logische Konsequenz. Wer weder Rohstoffe noch Technologieführerschaft hält, entscheidet nichts.

III

In der Ukraine entschied ein Privatunternehmen den Verlauf von Schlachten: Starlink, Elon Musks Satellitennetzwerk, wurde zur zentralen Infrastruktur für ukrainische Kommunikation und Zielerfassung. Als die Ukraine das System für eine Offensive auf der Krim nutzen wollte, lehnte Musk ab: zu riskant.

Diese Entscheidung traf ein Unternehmer, kein Staat. Die Konsequenz: SpaceX kündigte Starshield an, eine Kriegsführung als Dienstleistung, speziell für Regierungen. Das Pentagon beherrschte die Kriegsführung aus dem Orbit. Jetzt ist es Ankerkunde.

Die RAND-Analyse dazu: „Eine perpetuell prekäre Unterstützung der Bevölkerung wird die Abhängigkeit des Militärs von Söldner:innen, unbemannten Systemen und Koalitionspartner:innen vertiefen.“ Die Bevölkerung lässt sich nicht mehr mobilisieren. Der gesellschaftliche Zusammenhalt, der die Weltkriege trug, existiert nicht mehr. Gewalt wird zur Dienstleistung.

Das Gewaltmonopol des Staates, Grundprinzip der Moderne, löst sich auf; an seine Stelle tritt ein Markt.

Russlands Invasion der Ukraine schien die These zunächst zu widerlegen. Konventioneller Krieg, Panzer, Artillerie, das sah nach dem 20. Jahrhundert aus. Bei genauerer Betrachtung bestätigt es jedoch das Neomittelalter: Russland führte einen modernen Krieg mit den Mitteln eines geschwächten Staates. Die von Korruption zerfressene Armee konnte sich nicht teilmobilisieren, ohne dass Hunderttausende flohen. Also kämpft Russland mit einer kleinen Berufsarmee, ergänzt durch Söldner der Wagner-Gruppe und Milizen krimineller Warlords.

Die bevorzugte Taktik sind Belagerungen. Statt schneller Manöver dominiert das Aushungern von Städten, das Zerstören von Infrastruktur, das Warten. Beide Seiten untergraben die Legitimität des anderen durch Cyberangriffe, Desinformation und wirtschaftlichen Druck.

Der Krieg entscheidet sich in den Köpfen der Bevölkerung. Russlands Erfahrung in der Ukraine zeigt: Lösungen aus der Ära industrieller Nationalstaaten taugen nicht für neomittelalterliche Probleme.

IV

Wenn zwei geschwächte Imperien um Hegemonie ringen, zahlen andere den Preis. Die RAND-Analyse beschreibt „Proxy-Konflikte in fragilen Ländern entlang der Belt and Road Initiative“ als wahrscheinliches Szenario, keine direkte Konfrontation, sondern indirekte Kriege in Drittstaaten.

Pakistan, wo beide Seiten Einfluss suchen. Äthiopien, wo China und die USA unterschiedliche Fraktionen unterstützen. Die Philippinen, wo ein Taifun zur Gelegenheit wird, Einfluss durch Katastrophenhilfe zu demonstrieren. Jede Krise wird zum Wettbewerb und jeder schwache Staat zum Spielfeld.

Die Bevölkerungen dieser Länder sind Inventar; Ressourcen, Märkte, Territorien.

Norman Pollack, Historiker und Bürgerrechtsveteran, schrieb 2017 im Hospiz sein letztes Buch über diese Dynamik. Er beschrieb die Drohne, unbemannt, ferngesteuert, tödlich, als perfektes Symbol einer Gesellschaft, die das Töten als bürokratischen Akt behandelt. Achttausend Meilen Distanz, klimatisierte Container in Nevada, PowerPoint-Präsentationen im Situation Room.

Die Bürokratisierung des Todes, schrieb Pollack, ist das System selbst. Wenn Menschen zu Objekten werden, Beziehungen zu Transaktionen und Wert nur in Nützlichkeit liegt, ist der Schritt zum „Blutspritzer“ nur eine Frage der Distanz.

Zwischen 2004 und 2012 töteten US-Drohnenangriffe in Pakistan zwischen 2.597 und 3.398 Menschen, darunter 176 Kinder. Die Regierung bestritt lange, dass es zivile Opfer gab. Dann redefinierte sie „Kämpfer“: Jeder militärfähige Mann in einer Kampfzone zählt automatisch als Kombattant, es sei denn, seine Unschuld wird nachträglich bewiesen. Nachträglich, das heißt: nach seinem Tod.

Die RAND Corporation und Norman Pollack, so verschieden sie sind, kommen zum selben Schluss: Die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Die Strukturen des 20. Jahrhunderts, starke Nationalstaaten, klare Grenzen, Gewaltmonopol, lösen sich auf.

An ihre Stelle tritt etwas Älteres: überlappende Loyalitäten, private Armeen, zersplitterte Macht. Staaten, die durch Überwachung und Gleichschaltung ihre schwindende Macht retten wollen. Konzerne, die Dienste übernehmen, die früher nur Staaten leisteten.

V

Das Neomittelalter ist keine Prognose mehr. Wer überlebt, wenn die beiden größten Mächte sich gegenseitig schwächen, jede Krise zum Stellvertreterkrieg wird und Gewalt dem höchsten Bieter gehört?

Die RAND-Autor:innen schließen: „Anpassung kann klug gestaltet werden oder sie wird erzwungen, unwillig und blind. Das erste könnte Gefahren verringern und vielleicht einen bleibenden Vorsprung vor weniger vorbereiteten Rivalen sichern. Das zweite riskiert katastrophale Fehleinschätzungen.“

Pollack, weniger diplomatisch, schrieb: Wir leben bereits in der Dystopie. Wir haben uns nur daran gewöhnt, sie nicht so zu nennen.


Titelbild: „Die Schlacht bei Issus“ (Albrecht Altdorfer, 1529) {Glitch}