„American Progress“ (John Gast, 1872) {Glitch}

Space (Out)laws

2025.07.29

Unser Mobilfunksignal ist kein Äther; es basiert auf einer Flotte von Satelliten in einem festgelegten Orbit, der alle paar Jahre bei der Weltfunkkonferenz verhandelt wird. Unser GPS ist keine neutrale Karte, sondern eine militärische Ressource, die uns gnädigerweise zur Verfügung gestellt wird.

Das Internet ist keine Cloud, sondern eine physische Infrastruktur, die zunehmend im Orbit hängt und von privaten Firmen kontrolliert wird, die zu kriegsentscheidenden Akteur:innen werden.

Wir leben bereits im Weltraum. Nur haben wir noch immer keine Ahnung, wem er gehört.

I

In den 1960er Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, taten die USA und die Sowjetunion etwas Erstaunliches: Sie einigten sich auf den Weltraumvertrag von 1967, den Outer Space Treaty. Ein Pakt der gegenseitigen atomaren Abschreckung, auf den Kosmos ausgeweitet.

Die Regeln klangen utopisch: Der Weltraum sei „Sache der gesamten Menschheit“, keine „nationale Aneignung“ durch Souveränitätsansprüche erlaubt, Kern- und Massenvernichtungswaffen im Orbit verboten.

Ein Gentleman's Agreement, den „ultimativen Hochgrund“ nicht in ein Minenfeld zu verwandeln. 112 Staaten haben bis heute ratifiziert. Das Problem, so Memme Onwudiwe: Der Vertrag ist „wirklich, wirklich vage“. Er verbot die nationale Aneignung, schwieg aber über die private.

II

Die USA umgehen das Problem der globalen Verhandlung: Sie schreiben die Spielregeln selbst. Das Werkzeug dafür sind die Artemis Accords.

Kein multilateraler UN-Vertrag, sondern bilaterale Abkommen; im Grunde die Nutzungsbedingungen, um beim NASA-Mondprogramm dabei zu sein – entweder Partner der USA, oder nicht.

In diesen AGB steht der entscheidende Satz: Die Accords erlauben ausdrücklich die kommerzielle Ausbeutung von Weltraumressourcen. Das widerspricht dem Mond-Abkommen von 1979, das die USA nie ratifizierten. Es forderte ein „internationales Regime“ zur „gerechten Verteilung“ der Ressourcen.

Die USA schaffen damit Fakten, so Onwudiwe: Sie nutzen den vagen Vertrag von 1967, um eine parallele, profitorientierte Rechtswirklichkeit zu schaffen. Währenddessen bauen China und Russland an ihrer eigenen Mondstation, der International Lunar Research Station – mit ihren eigenen Regeln.

Der „verborgene Globus“, den Abrahamian auf der Erde beschreibt, wandert gerade in den Orbit. Die „Sache der gesamten Menschheit“ zerfällt in konkurrierende Zuständigkeiten.

Anwält:innen streiten über Vertragsauslegung; das Militär schafft derweil Fakten. Das Buch Securing Outer Space argumentierte bereits 2009, dass die USA den Weltraum schon immer als „nächsten Kriegsschauplatz“ und als ultimative Sphäre der Konfrontation sahen. Astropolitik nennt sich das, ein Realismus, der die USA als „moralisch überlegene Wahl zur Beschlagnahmung und Kontrolle des Weltraums“ sieht.

III

Was 2009 noch Theorie war, ist heute Politik. Die USA haben die Space Force, weil sie den Weltraum offen als Kriegsdomäne betrachten. Wie real das ist, zeigte der Krieg in der Ukraine: Starlink, das private Satellitennetz von SpaceX, gab der ukrainischen Armee Kommunikation und Zielführung, und wurde damit kriegsentscheidend. Plötzlich musste Elon Musk entscheiden, ob seine „privaten“ Dienste die USA in einen globalen Konflikt ziehen könnten.

Die Konsequenz? SpaceX gründete Starshield, ein eigenes, militarisiertes Satellitennetz für Regierungen. Der Staat gibt seine militärische Weltraumdominanz an private Akteur:innen ab. Künftig führen vielleicht nicht mehr nur Staaten Krieg, sondern auch Konzerne, die ihre Dienste an Staaten verkaufen.

Das ist kein Versehen, es ist ein Designfehler des Vertrags von 1967. Er verbietet explizit „Kernwaffen oder andere Massenvernichtungswaffen“ im Orbit, schweigt sich jedoch vollständig über konventionelle Waffen aus. Anti-Satelliten-Raketen, orbitale Laser, Störsender, kinetische Bombardements (die Rods from God), nach den Buchstaben des Gesetzes alles erlaubt. Die Lücke im Vertrag ist groß genug für eine Flotte von Zerstörern.

IV

Der Weltraum könnte den größten wirtschaftlichen Sprung der Menschheitsgeschichte ermöglichen. Memme Onwudiwe bringt es auf den Punkt: „99,9 % von allem, was existiert, befindet sich außerhalb der Erde“.

Es geht nicht primär um „Forschung“, sondern um Ressourcen: Wem gehört ein Asteroid mit mehr Platin als auf der Erde? Wer profitiert? Das ist der Kern. Ein Goldrausch.

Und dieser Goldrausch erzeugt Chaos. Der Weltraum ist keine unendliche Leere, sondern eine endliche Ressource mit begrenzten „Fahrspuren“. Bis heute gibt es keine verbindliche internationale Flugsicherung für den Orbit, keine Müllabfuhr. Der Vertrag von 1967 sprach vage von der „Vermeidung schädlicher Kontaminierung“. Heute nennen wir das Kessler-Syndrom: die reale Gefahr, dass eine Kaskade von Kollisionen den erdnahen Orbit für Generationen unbrauchbar macht.

Die UN hat „Richtlinien zur Müllvermeidung“ (Space Debris Mitigation Guidelines) verabschiedet, allerdings freiwillige Prinzipien, kein hartes Recht. Jeder neue Satellit, der mitmacht, erhöht das Risiko, dass der gesamte Anspruch wertlos wird.

Die Artemis Accords legen das Schürfrecht fest. Die Space Force und Starshield sind die Colts, die es sichern. Der Outer Space Treaty von 1967 war ein Relikt des Kalten Krieges. Er nahm an, dass nur zwei Akteur:innen überhaupt dorthin gelangen konnten. Heute, da private Unternehmen Raketen starten, ist es hoffnungslos veraltet.

Wir stehen mittendrin im „kosmischen Landraub“: Große Anwaltskanzleien versuchen nur noch, jene Ansprüche abzustecken, die Konzerne und Militärs längst besetzt haben.


Titelbild: „American Progress“ (John Gast, 1872) {Glitch}