Die Zeichen sterbender Systeme
Wenn autoritäre Systeme „gewinnen“, weil sie „funktionieren“, weil sie „Dinge erledigen“, weil die Züge pünktlich fahren, lohnt sich ein Blick darauf, wie solche Systeme tatsächlich enden. Nicht als Theorie oder aus Hoffnung; als Muster, das sich lesen lässt, wenn wir wissen, wonach wir suchen.
Das hier ist eine Lesart. Muster und Indikatoren, historische Zusammenbrüche, hohe Korrelation und keine Garantie. Stellen, an denen sich Ursachen verdichten, aber nie auf eine einzige schrumpfen. Die Antwort, wenn es eine gibt, ist überraschend banal, und genau deshalb subversiv.
I
António de Oliveira Salazar regierte Portugal von 1932 bis 1968, sechsunddreißig Jahre eiserne Diktatur: der Estado Novo, der „Neue Staat“. Geheimpolizei PIDE, die der Stasi in nichts nachstand. Folter in den Kellern von Lissabon. Zensur, die jedes Wort kontrollierte, jede Zeitung las, jeden Brief öffnete. Ein Unterdrückungssystem, das sich selbst als notwendige Ordnung verstand, als das Einzige, das die Welt vor dem Chaos bewahrte.
Salazar starb 1968. Sein Nachfolger Marcelo Caetano setzte das System fort, vielleicht etwas weniger hart in der Rhetorik, aber nicht weniger total in der Kontrolle. Alles schien stabil. Die Wirtschaft lief, wenn auch nicht herausragend. Die Straßen waren sicher, allerdings unter Überwachung. Die Ordnung: unerschütterlich.
Dann, am 25. April 1974, war es vorbei, innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Fast ohne Blutvergießen; Soldaten steckten Nelken in ihre Gewehrläufe. Die Diktatur kollabierte endlich sichtlich und niemand hatte bemerkt, dass sie es längst getan hatte.
Was passiert war? Kein erwachtes Volk, das die Ketten sprengt. Kein charismatischer Führer, keine philosophische Erleuchtung über Würde und Freiheit, keine Bewegung aus dem Untergrund, die den perfekten Moment abgewartet hatte.
Kolonialkriege.
Portugal führte seit 1961 Kriege in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau. Drei Fronten gleichzeitig. Sinnlose Kriege, um Kolonien zu halten, die nicht mehr zu halten waren, für ein Imperium, das bereits ein Phantom war, für eine Idee von nationaler Größe, die nur noch in den Köpfen alternder Männer in Lissabon existierte. Das System zog junge Männer ein, pferchte sie in Truppentransporter, schickte sie über den Atlantik, und warf sie in den Dschungel. Um für etwas zu sterben, das sie nicht verstanden, für ein System, das ihnen nichts gab außer der Ehre, für die Nation zu fallen.
Die jungen Offiziere, die Movimento das Forças Armadas, hatten schlicht keinen Bock mehr. Nicht aus ideologischer Überzeugung, nicht weil sie Demokrat:innen wurden oder plötzlich an Menschenrechte glaubten. Aus Erschöpfung; aus der Erkenntnis, die in den Schützengräben kommt, wenn du lange genug im Schlamm liegst und auf einen unsichtbaren Feind schießt, wenn der Kamerad neben dir stirbt und du nicht erklären kannst warum: Das hier ergibt keinen Sinn.
Sie putschten nicht für Demokratie; sie putschten, um den Krieg zu beenden. Die Demokratie war fast ein Nebenprodukt, die Konsequenz der Erschöpfung an einem System, das seine eigenen Söhne verbrannte für eine Idee, an die niemand mehr glaubte.
Das ist das erste Muster, und es wiederholt sich.
II
Systeme enden selten aus den Gründen, die wir uns wünschen: nicht das erwachte Volk, nicht die Barrikade, nicht der Sieg der Wahrheit über die Lüge. Sie enden, weil das System seine eigenen Widersprüche nicht mehr auflöst, weil die Kosten der Aufrechterhaltung die Vorteile übersteigen, weil die Menschen, die es am Laufen halten sollen, die Motivation verlieren. Weil irgendwann zu viele Leute in zu vielen Schützengräben liegen und dieselbe Frage stellen: Wofür eigentlich?
Die DDR fiel durch eine Verkettung. Gorbatschows Reformen öffneten den Spielraum. Ungarn öffnete die Grenze. Und dann gingen die Menschen, massenhaft. Über Ungarn, als die Grenze sich öffnete, über die Tschechoslowakei. Über die Botschaften, wo sie sich zu Hunderten drängten, warteten, hofften. Das System konnte Dissens unterdrücken, Kritik zensieren, Oppositionelle einsperren. Aber es konnte nicht funktionieren, wenn die Menschen, die Fabriken und Züge und Verwaltung am Laufen halten sollten, einfach weg waren.
Die Mauer fiel nicht, weil jemand sie niederriss. Sie fiel, weil sie irrelevant wurden; das System, das sie schützen sollte, war bereits kollabiert, es wusste es nur noch nicht. Günter Schabowski, müde, schlecht vorbereitet, blättert in seinen Notizen: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Die Mauer fiel, weil ein Bürokrat sich verplappert hatte. Aber sie fiel nicht wirklich in diesem Moment. Sie war bereits gefallen, und dieser Moment machte es nur sichtbar.
Die Sowjetunion fiel nicht durch Reagans „Tear down this wall“-Rhetorik, so gern sich der Westen das erzählt. Sie fiel, weil das System ökonomisch nicht mehr funktionierte. Weil die Planwirtschaft der Komplexität der modernen Welt nicht gewachsen war. Weil die Menschen in den Schlangen vor leeren Läden standen und wussten, mit einer Gewissheit, die tiefer geht als jede Ideologie, die in den Knochen sitzt, wenn du in dieser Woche zum dritten Mal zwei Stunden für Brot anstehst: Das hier führt nirgendwohin.
Gorbatschow versuchte, das System zu reformieren, mit Glasnost und Perestroika; Transparenz und Umstrukturierung. Ein System, dessen fundamentale Logik gebrochen ist, lässt sich nicht reformieren. Wir können nur zusehen, wie es fällt, und hoffen, dass es nicht alles mit sich reißt.
Die Apartheid in Südafrika endete nicht, weil die Welt plötzlich erkannte, dass Rassismus falsch ist; das wusste die Welt schon lange. Sie endete, weil das System ökonomisch unhaltbar wurde: Sanktionen, Isolation, und vor allem die Erkenntnis der weißen Elite, dass ein System, das achtzig Prozent der Bevölkerung ausschließt, in einer globalisierten Wirtschaft nicht konkurrenzfähig ist. Die Verhandlungen begannen nicht aus moralischer Erleuchtung, sondern aus pragmatischer Notwendigkeit, aus der kalten Berechnung, dass Verhandeln billiger ist als Bürgerkrieg, dass ein kontrollierter Übergang besser ist als Chaos.
III
Zwei Denker liefern Werkzeuge, um diese Muster zu lesen:
Der Anthropologe Joseph Tainter studierte jahrelang die Ruinen toter Zivilisationen, die Maya – die Chaco-Kultur, das Weströmische Reich. Seine Antwort auf die Frage, warum sie kollabieren, ist elegant und unbarmherzig: Komplexität kostet Energie. Und irgendwann kosten die Lösungen mehr als die Probleme, die sie lösen sollen.
Ein System wächst, indem es Komplexität aufbaut: Armeen, Bürokratie, Infrastruktur. Am Anfang zahlt sich jede Investition aus. Aber die Gewinne werden geringer, irgendwann wird ein Wendepunkt erreicht, an dem jede weitere Investition in Komplexität weniger zurückgibt als sie kostet. Das System fängt an, sich selbst zu kannibalisieren, um die bereits aufgebaute Komplexität zu erhalten.
Das Weströmische Reich ist das klassische Beispiel: Anfangs war Expansion profitabel. Gallien erobern, Reichtum nach Rom fließen lassen. Irgendwann waren die Grenzen so weit und lang, dass die Kosten ihrer Verteidigung die Gewinne überstiegen. Das Reich wurde in kleinere Provinzen geteilt, um Bürgerkriege zu verhindern. Jede Provinz brauchte ihre eigene Verwaltung, ihre eigene Armee. Die Komplexität stieg. Die Steuern stiegen. Die Bauern, die das bezahlen sollten, verarmten, gaben ihre Höfe auf, wurden Pächter auf großen Gütern. Die Produktivität sank. Das System begann, sich selbst zu kannibalisieren.
Das Fatale: Wir können nicht zurück. Komplexität ist eine Ratsche, nur nach vorne. Das System ist gefangen. Zu komplex, um zu funktionieren, zu starr, um sich anzupassen.
Tainter ergänzt eine moderne Wendung: In der Antike konnten Systeme kollabieren, weil es Raum gab, in den sie kollabieren konnten. Das Weströmische Reich fiel, an seine Stelle traten kleinere Königreiche. Die Maya-Stadtstaaten zerfielen, und der Dschungel holte sich das Land zurück.
Heute ist die Welt voll. Jeder Quadratmeter wird von einem Staat beansprucht. Wenn ein System heute kollabiert, absorbiert ein Nachbar das Vakuum. Oder es entsteht Chaos, das niemand will. Tainters Schlussfolgerung: Moderne Staaten können nicht einzeln kollabieren. Entweder sie passen sich an, oder sie kollabieren alle gleichzeitig.
Der Evolutionsbiologe Peter Turchin suchte nach Mustern in riesigen historischen Datenbanken. Er fand zwei Faktoren, die Krisen ankündigen: Elite Overproduction (zu viele Aufstiegswillige, zu wenige Stühle) und Popular Immiseration, die relative Verarmung der Bevölkerung.
Wenn es mehr Menschen gibt, die Elite werden wollen, als es Elite-Positionen gibt, fängt der Wettbewerb an, die sozialen Normen zu untergraben. Gleichzeitig arbeiten die Menschen härter und haben trotzdem weniger. Sie sehen, dass ihre Eltern es besser hatten. Turchin misst das mit dem „relativen Lohn“ (Lohn geteilt durch BIP pro Kopf), der in den USA seit den 1970ern massiv gefallen ist, während die CEO-Gehälter explodierten.
Hier kommt eine Einsicht hinzu, die Turchin mit der Weisheit der Blackfeet-Nation verbindet, jener Nation, die Maslow ursprünglich inspirierte: Bedürfnisse sind nicht hierarchisch. Die Frage „Wofür lebe ich?“ ist kein Luxus der Satten, sie ist das Fundament.
Systeme kollabieren, wenn Menschen hungern. Und sie kollabieren, wenn Menschen satt sind und trotzdem das Gefühl haben, dass ihr Leben sinnlos ist. David Graeber nannte diese Sinnkrise Bullshit Jobs: Ein System, das Tainters Muster folgt, also mehr Energie für seine Selbsterhaltung braucht (Bürokratie, die Bürokratie kontrolliert) als für produktive Arbeit, erzeugt zwangsläufig Sinnlosigkeit.
Turchins eigentliche These, angelehnt an den Historiker Ibn Chaldūn, geht tiefer. Gesellschaften entstehen und überleben durch Asabiyya – soziale Kohäsion, Gruppenzusammenhalt, das Gefühl, im selben Boot zu sitzen. Dieser Zusammenhalt ist die Ressource, die es einem Staat erlaubt, externe Bedrohungen abzuwehren und interne Projekte zu stemmen. Elite Overproduction und Popular Immiseration sind deshalb so problematisch, weil sie genau diese Kohäsion zersetzen. Die Elite kämpft gegeneinander statt für das System, und die Bevölkerung hat keinen Grund mehr, sich für eine Elite aufzuopfern, die sie verarmen lässt.
Miete und ALDI sind notwendig, aber nicht hinreichend.
Portugal: Die Offiziere in Afrika hatten Sold und Essen. Die Antwort auf die Frage fehlte: Wofür sterbe ich hier? Die Kohäsion war gebrochen.
DDR: Die Menschen hatten Arbeit und Wohnungen. Sinn, der über das bloße Funktionieren hinausging, fehlte.
Sowjetunion: Es war nicht primär der Hunger, der das System zu Fall brachte. Es war die Sinnkrise einer Generation, die ihr Leben einer Lüge gewidmet hatte.
IV
Komplexitätskosten und Eliten-Zyklen: Diese Muster des Zerfalls treffen heute auf einen neuen Kontext. Die RAND Corporation, die Denkfabrik des Pentagon, nennt das in ihrer offiziellen Analyse das Neomittelalter.
Es ist eine Welt, in der die Kategorien des 20. Jahrhunderts – staatlich und privat, Krieg und Frieden, legal und illegal – ihre Trennschärfe verlieren. Die Konfrontation findet nicht mehr nur zwischen Staaten statt, sondern molekular, in den Minen des Kongo oder über private Satellitennetzwerke wie Starlink.
Diese Fragmentierung, in der Unternehmer:innen wie Elon Musk über Kriegsverläufe entscheiden, weil sie die Kommunikation kontrollieren, ist der Boden, auf dem die alten Zeichen des Kollapses neu wachsen. Das Neomittelalter modifiziert, wie wir diese Zeichen lesen müssen.
V
Wenn wir wissen, wonach wir suchen, können wir die Zeichen lesen, nicht als Prophezeiung, aber als Wahrscheinlichkeit. Als Muster, das sich wiederholt, weil die Logik dieselbe ist.
Der neomittelalterliche Exit
Das System funktioniert. Noch. Aber intern fängt etwas an zu erodieren. Die Kompetenten gehen. Nicht alle auf einmal, nicht laut, aber stetig. Die Ingenieur:innen, die Ärzt:innen, die Wissenschaftler:innen.
In der DDR flohen Ingenieur:innen in den Westen. Im Neomittelalter ist dieser Exit, wie der Ökonom Albert Hirschman ihn nannte, vielschichtiger. Er bedeutet nicht nur Migration, sondern auch den Wechsel vom öffentlichen in den privaten Sektor. Wenn die fähigsten Köpfe nicht mehr das Pentagon, sondern SpaceX als relevanten Akteur sehen, um kriegsentscheidende Satellitensysteme zu bauen, ist das ein Brain Drain, der im selben Land stattfindet. Systeme, die ihre Fähigsten nicht halten, sterben langsam.
Zynismus der Eliten
Die Zynischen bleiben. Sie haben gelernt, das Spiel zu spielen. Sie sagen die richtigen Worte, applaudieren an den richtigen Stellen. Aber sie glauben nicht mehr. Sie warten ab. Sie optimieren für Exit, nicht für Widerspruch.
Die Ideolog:innen werden schriller. Sie spüren, dass niemand mehr zuhört, also werden sie radikaler, verzweifelter. Sie fordern mehr Reinheit, mehr Disziplin, mehr Opfer. Weil sie spüren, dass das System bröckelt, und die einzige Antwort, die sie kennen, ist: mehr vom Gleichen. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Panik.
Die Kosten übersteigen die Vorteile
Das System muss immer mehr Ressourcen aufwenden, um sich selbst zu erhalten – nicht um zu wachsen oder zu gedeihen, sondern nur um nicht zu kollabieren.
Mehr Überwachung, weil die Kooperation schwindet; mehr Repression, weil die Unzufriedenheit wächst; mehr Propaganda, weil niemand mehr glaubt. Tainters Modell, die Kosten der Komplexität, manifestieren sich genau als die Bullshit Jobs, die Graeber beschreibt.
In der neomittelalterlichen Kriegsführung sehen wir dasselbe. Der Versuch, mit den Mitteln eines Nationalstaats, mit Panzern und Massenmobilisierung, einen fragmentierten Krieg zu führen, scheitert an den eigenen Kosten, wie Russland in der Ukraine lernt. Das System wird zu teuer für sich selbst.
Die Spaltung der Elite
Solange die Elite geschlossen hinter dem System steht, ist es stabil. Der Wendepunkt kommt, wenn Teile der Elite eine Berechnung anstellen, die kälter ist als jede Ideologie: Wir haben mehr zu gewinnen, wenn wir das System ändern, als wenn wir es verteidigen.
Klassisch: F.W. de Klerk zog Verhandlungen dem Bürgerkrieg vor. Die neomittelalterliche Spaltung ist anders. Sie zielt nicht auf Reform, sie zielt auf Abkopplung.
Der Trigger
Der finale Zusammenbruch kommt oft durch etwas Kleines. Etwas Unerwartetes. Etwas, das in sich unbedeutend ist, aber das letzte Stück Legitimität zerstört.
Tunesien, 2011: Mohamed Bouazizi zündet sich an, ein Straßenverkäufer, dem eine Polizistin den Karren konfisziert hat. Ein Einzelfall, der zum Symbol wird für das, was Millionen täglich demütigt. Der Arabische Frühling fing mit einem Akt der Verzweiflung an, so banal, dass er universell wurde.
Tschernobyl war für die Sowjetunion verheerender als die Strahlung. Es war verheerend, weil die Lügen sichtbar wurden. Weil das System behauptete, alles sei unter Kontrolle, während Menschen starben. Weil jeder sehen konnte: Sie lügen. Und wenn sie hierüber lügen, worüber lügen sie noch?
Der Trigger ist nicht die Ursache. Er ist der Moment, in dem die bereits existierende Spannung sich entlädt.
VI
Diese Muster gelten nicht nur für Diktaturen. Demokratien können an denselben Mechanismen sterben. Vielleicht langsamer, vielleicht subtiler, aber genauso sicher.
Auch Demokratien erreichen Tainters Punkt der sinkenden Grenzerträge, wenn das System so komplex geworden ist, dass niemand mehr versteht, wie es funktioniert; auch sie erleben Turchins Elite Overproduction und Popular Immiseration. Die USA seit den 1970ern sind das perfekte Beispiel; die Muster wiederholen sich.
Wenn die ökonomische Realität zu viele Menschen zurücklässt, wenn Freiheit die Freiheit zu verhungern ist, Partizipation eine Illusion ohne Macht, „Demokratie“ eine leere Hülse.
Dann suchen Menschen Alternativen. Und die autoritäre Alternative verspricht, was die erschöpfte Demokratie nicht mehr liefern kann: „Wir werden die Kosten senken. Wir werden Ordnung schaffen. Wir werden euch schützen. Wir werden euch sagen, wofür ihr lebt.“
Das Versprechen ist eine Lüge, und wenn die demokratische Alternative nicht liefert; nicht Utopie, sondern Würde; nicht Perfektion, sondern Perspektive; nicht Sinn von oben, sondern die Möglichkeit, ihn zu finden, dann wird die Lüge attraktiv.
Das Pendel schwingt, von autoritär zu demokratisch, von demokratisch zu autoritär. Manchmal nur von einer Diktatur zur nächsten. Geschichte ist kein Fortschritt: Sie pendelt zwischen verschiedenen Formen des Scheiterns.
VII
Lesen wir diese Muster im Kontext der Gegenwart. Was sind die „sinnlosen Kriege“ von heute?
Der Krieg gegen den Klimawandel, den wir verlieren, weil wir ihn nicht führen. Eine Generation, die weiß, dass sie die Rechnung zahlen wird für Entscheidungen, die andere getroffen haben.
Der Krieg um Aufmerksamkeit in der Gig Economy. Hochgebildete junge Menschen, die sechzig Stunden pro Woche arbeiten für Miete und ALDI, für Systeme, an denen sie nie teilhaben werden. Das ist Turchins relative Verarmung in Aktion.
Der Krieg um Sinn in einer Welt der Bullshit Jobs. David Graebers Erkenntnis, dass Menschen acht Stunden am Tag Dinge tun, von denen sie wissen, dass sie sinnlos sind.
Systeme, die ihre Jugend verheizen, überleben nicht. Die ökonomischen Risse sind sichtbar, auch in autoritären Systemen: Chinas Immobilienkrise, ein Sektor, der vierzig Prozent der Wirtschaft ausmacht, kollabiert in Zeitlupe. Russlands Kriegswirtschaft, die die Zukunft verbrennt für einen Krieg, den sie nicht gewinnen kann.
Parallel zum Exit der Eliten emigrieren die Massen nach innen: Flucht in Kryptowährungen, in virtuelle Welten, in Nicht-Partizipation. Tang ping in China, die bewusste Verweigerung von Leistung, aus Erschöpfung, nicht als politisches Statement, aber jede Form davon ist ein Signal.
Die Frage ist: Wie lange dauert es, bis genug Menschen in genug Schützengräben sitzen und dieselbe Erkenntnis haben wie die Offiziere in Angola?
VIII
Und hier kommt die problematischste Versuchung, die Idee aus dem Buch The Sovereign Individual: Exit als Lösung.
Die technologische These ist korrekt: Verschlüsselung, Kryptowährungen, digitale Mobilität verschieben das Machtgefüge zwischen Individuum und Staat. Das ist real und passiert. Technologie ermöglicht Exit in einem Ausmaß, das historisch beispiellos ist. Ihre normative Schlussfolgerung ist allerdings fatal.
Exit als universelle Strategie funktioniert nur, solange es ein System gibt, von dem wir uns abkoppeln. Die Sovereign Individuals genießen ihre Freiheit nur, solange genug Menschen die Infrastruktur am Laufen halten, die sie nutzen: die Straßen bauen, die Satelliten starten, die Server warten.
Diese Abkopplung ist die ultimative Entfremdung Norman Pollack sah sie in der Drohnenkriegsführung: eine Elite, die das Töten als bürokratischen Akt behandelt, weil sie sich vom Rest der Gesellschaft, die die Infrastruktur bereitstellt, mental und physisch entkoppelt hat.
Die Sovereign Individual-Vision ist nicht die Lösung. Sie ist zugleich Symptom und Beschleuniger des Kollapses. Sie ist der exakte Tod der Asabiyya – jener sozialen Kohäsion, die Turchin und Khaldūn als Kern des gesellschaftlichen Zusammenhalts identifizierten.
Exit mag für das Individuum rational sein; für das System, das auf dieser Kohäsion beruht, ist es tödlich. Und wenn das System stirbt, stirbt auch die Infrastruktur, auf der die Freiheit der Sovereign Individuals basiert, und damit auch den Sovereign Individual selbst.
IX
Portugal fiel, weil junge Männer in Schützengräben keinen Sinn mehr sahen. Ob das wieder passiert: vielleicht, vielleicht auch nicht.
Die Muster, die wir hier gelesen haben – Tainters Logik, Turchins Zyklen, Graebers Sinnkrise, Hirschmans Exit und die Fragmentierung des Neomittelalters – sind keine Prophezeiungen. Sie sind Heuristiken; Karten, die nicht das Territorium sind, aber helfen, sich zu orientieren. Werkzeuge, um Gegenwart zu lesen, nicht um Zukunft vorherzusagen.
Wir wissen, dass diese Lesart konstruiert ist, dass wir aus der Komplexität historischer Ereignisse jene Fäden gezogen haben, die ein kohärentes Muster ergeben.
Und trotzdem: Die Korrelationen sind stark. Die Zeichen wiederholen sich. Nicht deterministisch, aber häufig genug, dass Aufmerksamkeit klüger ist als Ignoranz. Häufig genug, dass diese Lesart nützlich sein könnte, auch wenn sie nicht wahr ist im Sinne einer objektiven Wahrheit.
Das ist die post-zynische Haltung: Wir haben die Illusionen verloren. Wir wissen, dass Systeme sterben. Wir wissen, dass uns keine Grand Narrative rettet. Wir wissen, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist. Wir wissen, dass auch diese Lesart nur eine von vielen möglichen ist.
Und trotzdem lesen wir die Zeichen. Nicht weil wir sicher sind. Weil in einer Welt, die sich schneller ändert als wir verstehen können, Aufmerksamkeit die Grundlage für Handlungsfähigkeit ist, die uns bleibt. Nicht die Handlungsfähigkeit, den Kollaps zu verhindern, das wäre die alte Hybris, sondern die, in ihm zu navigieren. Weil das Lesen von Mustern, auch wenn sie keine Gesetze sind, uns vorbereitet auf Möglichkeiten, die sonst unsichtbar blieben.
Die Nelken in den Gewehrläufen waren das Ende. Der Anfang war Jahre vorher, in den Schützengräben Angolas, als junge Männer erkannten: Wir sterben für nichts.
Systeme enden nicht, wenn sie am grausamsten sind. Sie enden, wenn sie sinnlos werden. Wenn die Frage „Wofür?“ keine Antwort mehr findet, die überzeugt.
Und die problematischste Erkenntnis für jedes System, autoritär oder demokratisch, ist die, die sich nicht unterdrücken lässt: Sie kommt von innen, sitzt in den Knochen.
„Das hier ergibt keinen Sinn mehr.“
Kein Ende – der Moment, in dem die Suche nach etwas anfängt, das es tut.
Titelbild: „Saturno devorando a su hijo“ (Francisco de Goya, ca. 1819) {Glitch}