„Das Eismeer“ (Caspar David Friedrich, 1823) {Glitch}

Die Architektur der Unsicherheit

2025.10.15

Im Januar 2026 veröffentlichte das World Economic Forum seinen jährlichen Global Risks Report. Die Schlagzeile: „Geoökonomische Konfrontation“ ist das akuteste globale Risiko, nicht Klimawandel oder Pandemien, sondern der Wirtschaftskrieg zwischen Großmächten.

Überraschend ist das nicht. Wer die letzten Jahre beobachtet hat, sah die Sanktionsregime, die Chip-Kriege und das Decoupling kommen. Bemerkenswert ist, was diese Verschiebung über uns aussagt. Über unsere kollektive Aufmerksamkeit, über die Kluft zwischen Wissen und Handeln.

Wir leben im Zeitalter der Polykrise – ein Begriff, den der Soziologe Edgar Morin prägte und den der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze popularisierte. Er beschreibt ein verflochtenes Netz aus ökologischen, ökonomischen, technologischen und geopolitischen Notfällen: Die Summe ihrer Wechselwirkungen ist gefährlicher als die einzelnen Teile. Die Krisen verstärken einander. Und unsere Institutionen, gebaut für eine einfachere Welt, kommen nicht mehr mit.

I

Der Sozialwissenschaftler Timo J. Hämäläinen nennt das die Complexity Gap – die Komplexitätslücke. Seine These: Moderne Gesellschaften haben eine Komplexität in ihren Interdependenzen geschaffen, die die kognitiven und operativen Fähigkeiten ihrer Governance-Strukturen übersteigt.

Das klingt abstrakt, allerdings erklärt es, warum wir so oft das Gefühl haben, dass „die da oben“ nichts tun, obwohl die Probleme offensichtlich sind.

Die Ursachen liegen tief. Spezialisierung, jedes Ministerium kennt nur sein Silo; Beschleunigung, Entscheidungen fallen schneller, als Informationen verarbeitet werden; Effizienz auf Kosten von Resilienz, Just-in-Time-Lieferketten, die beim ersten Schock kollabieren; und die Vernetzung ehemals getrennter Systeme, ein Cyberangriff auf ein Stromnetz wird zur Gesundheitskrise, zur politischen Krise.

Der Kybernetiker W. Ross Ashby formulierte das schon in den 1950ern als Law of Requisite Variety: Ein Steuerungssystem muss mindestens so viele Handlungsoptionen haben wie das System, das es steuern will. Wenn die Welt komplexer wird, unsere Regierungen allerdings nicht, verlieren wir die Kontrolle, nicht durch Versagen, sondern durch strukturelle Überforderung.

Der WEF-Bericht 2026 ist ein Symptom dieser Krise. Die „geoökonomische Konfrontation“ an der Spitze der Risiken lässt sich als Versuch der Staaten lesen, durch Vereinfachung Komplexität zu reduzieren und Kontrolle zurückzugewinnen. Es ist eine klassische, oft dysfunktionale Reaktion auf Überkomplexität: Wenn das System zu komplex wird, werden die Mauern hochgezogen.

II

Die Rangliste der kurzfristigen Risiken, auf einem Zwei-Jahres-Horizont, liest sich wie ein Katalog der Gegenwart:

Platz 1 → geoökonomische Konfrontation. 18 % der befragten Expert:innen halten es für das Risiko, das am wahrscheinlichsten eine globale Krise auslöst. Die Mechanismen sind vielfältig: Sanktionsregime, die nicht mehr nur „Schurkenstaaten“ treffen, sondern strategische Waffen im Großmachtwettbewerb sind; Exportkontrollen für Halbleiter; der Kampf um Lithium, Kobalt, Seltene Erden, der Staaten erpressbar macht; die Fragmentierung der Weltwirtschaft in rivalisierende Blöcke mit eigenen Standards; das Ende von „Wandel durch Handel“.

Platz 2 → Fehl- und Desinformation. Untrennbar verbunden mit generativer KI, die Deepfakes in industriellem Maßstab ermöglicht, und der Struktur der Aufmerksamkeitsökonomie, deren Algorithmen sensationelle, emotionale und polarisierende Inhalte systematisch bevorzugen. Lügen gab es immer; das Problem ist, dass die Infrastruktur unserer Öffentlichkeit so gebaut ist, dass sie Lügen verstärkt.

Platz 3 → gesellschaftliche Polarisierung. Die Spaltung der Gesellschaft, die Erosion des Konsenses, das Verschwinden der gemeinsamen Faktenbasis. Naomi Klein analysiert in Doppelganger, wie Menschen in einer Welt der Unsicherheit und Ungleichheit nach einfachen Erklärungen suchen. Die „Spiegelwelt“ der Verschwörungstheorien bietet diese Erklärungen. Polarisierung ist auch ein Coping-Mechanismus überforderter Individuen.

Platz 4 → Extremwetterereignisse. Extremwetter ist von Platz 2 auf Platz 4 gefallen. Biodiversitätsverlust sogar um fünf Plätze. Die Gefahr hat nicht abgenommen, im Gegenteil: Die akuten Kriege, die Inflation, die geopolitischen Spannungen schieben die langfristige, schleichende Katastrophe mental nach hinten. Wir erleben kollektive Verdrängung, Risiko-Ermüdung. Die Kipppunkte im Klimasystem warten allerdings nicht auf geopolitische Entspannung.

Platz 5 → bewaffnete Konflikte. Ukraine, vielleicht bald Grönland, Taiwan-Spannungen. Die Rückkehr des Krieges nach Europa und seine globalen Schockwellen.

Langfristig, über zehn Jahre, dominieren weiterhin die ökologischen Risiken. Aber die Tragödie besteht in der zeitlichen Diskrepanz: Die Dringlichkeit der kurzfristigen Konflikte bindet Ressourcen und Aufmerksamkeit, die für die Bewältigung der langfristigen planetaren Krise unabdingbar wären.

III

Wie wir hierher gekommen sind, zeigt ein Blick auf die Risikowahrnehmung der letzten zwei Jahrzehnte. Die Global Risks Reports spiegeln den Zeitgeist und die kollektiven Ängste der globalen Elite.

2007–2010 → die Dominanz der Ökonomie. Vor der Finanzkrise dominierten ökonomische Risiken: Asset Price Collapse, Fiscal Crises. Interessanterweise identifizierte der Report 2007 bereits Pandemics als Risiko. Die Warnung verhallte.

2011–2015 → soziale Unruhen. Nach der Finanzkrise und im Zuge des Arabischen Frühlings rückten soziale und geopolitische Risiken in den Fokus. Fiscal Crises, High Unemployment, Water Crises. Die enge Kopplung von Ressourcenknappheit, ökonomischer Not und politischer Instabilität wurde sichtbar.

2016–2021 → der grüne Schwenk. Ab etwa 2016 übernahmen Umweltrisiken die Führung. 2020 war das erste Jahr, in dem die Top 5 der wahrscheinlichsten Risiken ausschließlich ökologischer Natur waren: Extremwetter, Klimaversagen, Naturkatastrophen, Biodiversitätsverlust. Es schien, die Weltgemeinschaft habe endlich die größte langfristige Bedrohung erkannt.

2022–2026 → die Rückkehr der harten Sicherheit. Mit COVID-19 und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine änderte sich die Landschaft abrupt. Geopolitik verdrängte die ökologischen Themen von den Spitzenplätzen der kurzfristigen Aufmerksamkeit, ohne dass deren reale Bedrohung abgenommen hätte.

Die Geschichte dieser Berichte zeigt ein Muster der Reaktivität. Risiken gelten oft erst als hoch, wenn sie sich bereits zeigen. Die Vorausschau gelingt analytisch, scheitert allerdings an der politischen Priorisierung. Das Prevention Paradox: Erfolgreiche Prävention ist unsichtbar und wird daher nicht belohnt.

IV

Deutschland hat im Jahr zuvor mit der Nationalen Interdisziplinären Klimarisiko-Einschätzung einen bemerkenswerten Weg eingeschlagen. Hier kooperierten Nachrichtendienste, der BND; Wissenschaft, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und adelphi; und Militär, das Metis-Institut für Strategie & Vorausschau der Bundeswehr.

Die Kernbotschaft: Der Klimawandel ist kein reines Umweltthema, sondern eine harte sicherheitspolitische Bedrohung. Bruno Kahl, damals BND-Präsident, nannte die Klimafolgen neben dem aggressiven Russland, dem ambitionierten China, Cyberbedrohungen und Terrorismus als eine der fünf großen externen Bedrohungen für Deutschland.

Der Bericht entwirft Szenarien bis 2040 und analysiert Kausalketten: Klimafolgen, Dürren, Extremwetter, wirken in fragilen Regionen als Konflikttreiber, destabilisieren staatliche Strukturen und lösen Migrationsströme aus. Die Energiewende selbst wird zum geopolitischen Faktor. Der schwindende Wert fossiler Brennstoffe könnte Rentierstaaten destabilisieren, während neue Abhängigkeiten von Rohstoffmächten entstehen.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) verfolgt einen anderen, operativeren Ansatz. Es definiert spezifische Szenarien als Reasonable Worst Case und spielt sie detailliert durch. Der Bericht von 2012 ist im Rückblick besonders bemerkenswert: Er enthielt ein Szenario namens „Pandemie durch Virus Modi-SARS“, ein hypothetisches SARS-ähnliches Virus, das von Asien ausgeht, mit Wellen über drei Jahre und massiven Auswirkungen auf Infrastruktur und Wirtschaft. Die Parallelen zur COVID-19-Pandemie sind frappierend.

Das Wissen war da; die politische Umsetzung, etwa die Bevorratung von Schutzausrüstung, hinkte hinterher. Ein klassisches Beispiel für die Governance-Krise.

V

Es gibt eine Geschichte, die all das zusammenfasst: ein Bunker, eine geheime Währung, die Illusion der Kontrolle.

In den 1960er Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, baute die Bundesrepublik eine geheime Infrastruktur in Cochem an der Mosel. Das Szenario: Die DDR oder die Sowjetunion könnten die D-Mark durch massenhaftes Falschgeld destabilisieren, eine frühe Form der „geoökonomischen Konfrontation“, die heute wieder im WEF-Report auftaucht.

Die Lösung: eine geheime Ersatzwährung, Serie BBk II, 15 Milliarden DM, gelagert in einem atombombensicheren Bunker, getarnt als Erholungsheim der Bundesbank. Die Anlage umfasste Tresorräume, Notstromversorgung und Luftfilteranlagen für 14 Tage autarken Betrieb. Es war der Versuch, durch ein physisches Backup die Kontrolle über das Finanzsystem zu behalten.

Ende der 1980er Jahre wurde der Bunker aufgegeben und die Währung vernichtet. Der Grund war nicht das Ende des Kalten Krieges, die Vernichtung begann vor dem Mauerfall. Der Grund war technologische Obsoleszenz.

Die in den 1960ern gedruckten Noten entsprachen nicht mehr den Sicherheitsstandards der 1980er Jahre. Neue Technologien wie Farbkopierer machten die BBk II anfällig; der Zahlungsverkehr verlagerte sich ins Elektronische. Ein rein physisches Bargeld-Backup verlor seinen Sinn.

Die Lehre: Statische Vorsorge scheitert in einer dynamischen Welt. Eine Lösung, die für 1965 passte, wurde durch technologischen und gesellschaftlichen Wandel wertlos. Bunker-Mentalität hilft nicht gegen digitale Bedrohungen.

Die Parallele liegt auf der Hand. Wie damals Farbkopierer die Währungssicherheit bedrohten, bedroht heute generative KI die Informationssicherheit. Und wie der Bunker auf die falsche Katastrophe vorbereitet war, könnten unsere heutigen Resilienzstrategien an der Realität von morgen vorbeigehen.

VI

Die Berichte und ihre theoretischen Grundlagen deuten auf einen notwendigen Paradigmenwechsel hin. Die Doktrin der maximalen Effizienz, die unsere Wirtschaft und unsere Institutionen seit Jahrzehnten prägt, hat das System fragil gemacht. Just-in-Time-Produktion, globale Arbeitsteilung, schlanke Lagerbestände: all das funktioniert brillant, solange nichts schiefgeht. Sobald ein Glied der Kette bricht, kollabiert das Ganze.

Die Antwort auf die Polykrise ist nicht mehr Effizienz, sondern Resilienz: Pufferzonen, Redundanzen, strategische Autonomie.

Ökonomisch bedeutet das: Diversifizierung von Lieferketten („China + 1“), strategische Lagerhaltung kritischer Rohstoffe und Medikamente, Redundanz in der Energieversorgung. Es bedeutet, bewusst „Ineffizienzen“ einzubauen, die im Normalfall Geld kosten, im Krisenfall aber überleben lassen.

Technologisch: Investition in Cybersicherheit und KI-Governance, um digitale Souveränität zu wahren. Nicht jede Abhängigkeit von ausländischen Plattformen und Cloud-Diensten ist ein Problem, aber die kritischen müssen identifiziert und abgesichert werden.

Gesellschaftlich schließlich: Stärkung der Medienkompetenz und des sozialen Zusammenhalts, um Desinformation entgegenzuwirken. Das ist Immunisierung, nicht Zensur. Eine Gesellschaft, die gelernt hat, Quellen zu prüfen und Unsicherheit auszuhalten, ist widerstandsfähiger gegen Manipulation.

VII

Die strikte Trennung von innerer und äußerer Sicherheit, von Wirtschaft und Verteidigung, von Ökologie und Sicherheitspolitik, ist überholt. Der BND-Bericht zeigt das exemplarisch am Klimawandel: Was als Umweltthema anfängt, wird zur Migrationskrise, wird zur Sicherheitskrise, wird zur politischen Krise. Die Kausalketten laufen quer durch alle Ressorts.

Risikoanalysen müssen sektorenübergreifend denken, Whole of Government, besser noch Whole of Society. Das BBK hat das im Ansatz der „Zivilen Verteidigung“ begriffen. Die Trennung zwischen Katastrophenschutz, Naturgefahren, und Zivilschutz, Krieg, wird in der Realität hybrider Bedrohungen zunehmend überholt. Ein Cyberangriff auf kritische Infrastruktur ist beides gleichzeitig.

Institutionen müssen schneller lernen und flexibler reagieren. Das erfordert Fehlerkultur, die Bereitschaft, Irrtümer einzugestehen und zu korrigieren, statt sie zu vertuschen; Experimentierräume, in denen neue Ansätze getestet werden können, ohne dass ein Scheitern Karrieren beendet; und den Mut, starre Fünfjahrespläne durch adaptive Strategien zu ersetzen, die auf veränderte Bedingungen reagieren können.

VIII

Das Jahr 2026 ist ein Weckruf, erneut. Die Risiken sind bekannt. Die Szenarien liegen auf dem Tisch. Das BBK hat 2012 eine Pandemie simuliert, die acht Jahre später fast genau so eintrat. Der BND warnt vor Klimafolgen, die sich bereits materialisieren. Das WEF dokumentiert Jahr für Jahr die Verschiebungen in der globalen Risikolandschaft.

Was fehlt, ist der politische Wille zur Umsetzung unpopulärer, aber notwendiger Vorsorgemaßnahmen, bevor die Krise eintritt. Prävention ist unsichtbar. Niemand feiert die Politiker:innen, die eine Katastrophe verhindert haben, die nie kam. Aber alle kritisieren die, die nicht vorbereitet waren, wenn es passiert.

Das ist das Prevention Paradox, und es ist tief in die Struktur demokratischer Politik eingebaut. Kurzfristige Wahlzyklen belohnen sichtbare Erfolge, nicht vermiedene Katastrophen. Die Kosten der Vorsorge fallen heute an, die Kosten des Versagens erst morgen, und dann trägt sie jemand anders.

IX

Der Bunker in Cochem war der Versuch einer Generation, sich gegen eine Bedrohung zu wappnen, die sie verstand. Er scheiterte nicht an mangelndem Willen, sondern an der Unfähigkeit, technologischen Wandel vorherzusehen. Die Welt von 1988 war nicht mehr die Welt von 1964.

Wir stehen vor demselben Problem, nur beschleunigt. Die Welt von 2030 wird nicht die Welt von 2026 sein. Die Risiken, die wir heute identifizieren, werden sich transformieren, kombinieren, in unerwarteten Formen manifestieren. Generative KI war vor fünf Jahren ein Laborexperiment; heute destabilisiert sie Informationsräume. Was kommt in fünf Jahren?

Die Complexity Gap wird nicht kleiner. Die Varietät der Welt wächst schneller als die Varietät unserer Steuerungssysteme. Ashbys Gesetz ist unerbittlich.

Aber das bedeutet nicht Resignation. Es bedeutet, dass wir unsere Erwartungen an Kontrolle anpassen müssen. Wir werden die Zukunft nicht beherrschen, dafür können wir uns auf Überraschungen vorbereiten; nicht durch starre Pläne für spezifische Szenarien, sondern durch flexible Kapazitäten, die auf Unvorhergesehenes reagieren können. Durch Netzwerke, nicht durch Bunker. Durch Anpassungsfähigkeit, nicht durch Mauern.

Das ist die eigentliche Lektion des WEF-Berichts 2026: Die Liste der Risiken ist nicht entscheidend, sie wird nächstes Jahr anders aussehen. Entscheidend ist die Fähigkeit, mit Risiken umzugehen, die wir noch nicht kennen.

Wir bereiten uns auf eine Welt vor, die volatiler, unsicherer und komplexer ist als alles bisher Gekannte, nicht aus Pessimismus, sondern aus Realismus. Und weil Realismus, gepaart mit Handlungswillen, die einzige Haltung ist, die in der Polykrise trägt.

Heute ist der Bunker in Cochem ein Museum. Wir können ihn besichtigen, die alten Geldscheine betrachten, die nie in Umlauf kamen. Es ist ein Denkmal für eine Art des Denkens, die ihrer Zeit angemessen war und dann obsolet wurde. Die Frage ist: Welche unserer heutigen Sicherheitsarchitekturen werden in dreißig Jahren als Museen enden? Und was bauen wir stattdessen?


Titelbild: „Das Eismeer“ (Caspar David Friedrich, 1823) {Glitch}